/ Juli 2, 2023/ Ratgeber

Ewald Frie

Ewald Frie hatte das große Glück, in einer ländlichen Familie aufzuwachsen, deren Kinder zwischen 1944 und 1969 zur Welt kamen. Dieser Umstand bildet die Grundlage für seine Analyse des gesellschaftlichen Wandels in Deutschland bezüglich des bäuerlichen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg und in den darauf folgenden drei Jahrzehnten. Dabei beleuchtet er nicht nur den Übergang von einer personalintensiven Bewirtschaftung zu einer kapitalintensiven nach dem Krieg, sondern zeichnet auch die Geschichte des elterlichen Bauernhofs bis ins 17. Jahrhundert zurück.

Fries methodischer Ansatz in der Geschichtswissenschaft beinhaltet neben der Auswertung von Archiven vor allem das stellen von gezielten Fragen in Interviews mit seinen Geschwistern und anderen Verwandten. Hinter dem Buch steckt eine beträchtliche Menge an Recherche in Archiven, die Frie jedoch geschickt in die Familiengeschichte einwebt, sodass der Leser das Buch fasziniert verschlingt, ohne die intensive Recherchearbeit zu bemerken. Eine weitere Stärke des Buches liegt darin, dass der Autor prägnant herausarbeitet, wie die Protagonisten die „Vergangenheit“ als etwas Statistisches betrachten, während die Betrachtung der verschiedenen Ansichten seiner Geschwister verdeutlicht, wie flexibel der Begriff „Vergangenheit“ eigentlich ist

Auch wenn das Buch eine Art Porträt des Lebens im Münsterland darstellt, indem Frie vier verschiedene Lebenswelten unterscheidet, darunter die katholische Frömmigkeit der Mutter und die Welt der Rinderzucht des Vaters, erkenne ich viele Ähnlichkeiten mit meiner eigenen ländlichen Heimat im Bergischen Land. Diese Ähnlichkeiten beruhen auf den Erzählungen meiner Großmutter väterlicherseits, die selbst aus einer Familie mit 13 Geschwistern stammt. Auch mein Großvater mütterlicherseits war unmittelbar vom Wandel des bäuerlichen Lebens betroffen. Nachdem er den Landhandel nach dem Krieg wieder aufgebaut hatte, musste er sein Geschäft aufgeben. Glücklicherweise konnte er es rechtzeitig an die Raiffeisen-Genossenschaft verkaufen. Die Lektüre des Buchs folgte unmittelbar auf die Auflösung des Haushalts meines Onkels, der im Haus meiner Großeltern lebte und mich noch einmal direkt mit vergangenen Zeiten konfrontierte. Daher war das Buch für mich auch ein Stück Trauerbewältigung.

Besonders angesprochen hat mich, wie Frie das Gefühl der Fremdheit beschreibt. Bei mir war es der „Stallgeruch“ einer sehr strengen, religiösen Sozialisation in einer geschlossenen Glaubensgemeinschaft, der dieses Gefühl auslöste. Auch die enge Berufsorientierung anhand der Berufe, die man aus der eigenen Umgebung kannte, ist mir bekannt. Vermutlich sind auch meine Schwestern und ich deshalb im Lehrerberuf gelandet.

Mir gefiel, dass Frie den Abschied vom bäuerlichen Leben nicht nur als Niedergang darstellt, sondern auch die staatliche Unterstützung, insbesondere durch BAFÖG, würdigt. Diese Unterstützung eröffnete ihm und seinen Geschwistern Freiheiten in Bezug auf Beruf, Partnerwahl und Wohnort, die ohne den schmerzlichen Strukturwandel und „unseren Freund, den Staat“, wie er mehrmals halb humorvoll, halb liebevoll betont, nicht möglich gewesen wären.

Frie stellt abschließend sehr treffend die Frage, ob die Bildungsbiografie seiner Familie, entgegen der gängigen Annahme, wirklich als „Bildungsaufstieg“ bezeichnet werden kann. Er vergleicht den Besitz und den Ruf seines Vaters als Landwirt und Rinderzüchter mit seinem eigenen Titel und seiner Liste von Veröffentlichungen und prägt den Begriff des „Umstiegs“.

Ewald Fries Buch ist ein fesselndes Porträt des ländlichen Wandels im Münsterland. Mit beeindruckender Detailgenauigkeit zeichnet er den Strukturwandel von einer personal- zu kapitalintensiven Landwirtschaft nach. Dabei gelingt es ihm meisterhaft, familiäre Geschichten mit geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen zu verweben. Besonders hervorzuheben ist sein feinfühliges Eingehen auf das Gefühl der Fremdheit und die Berufsorientierung im ländlichen Kontext. Die Würdigung staatlicher Förderung als Chance zur persönlichen Entfaltung verleiht dem Buch eine positive Botschaft. Fried hinterfragt zudem auf intelligente Weise den Begriff des ‚Bildungsaufstiegs‘, was dem Leser tiefe Einblicke in die Bildungsbiografien ermöglicht. Ein inspirierendes Werk, das lesenswert und bereichernd ist.

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 11. Edition (4. August 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 191 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406797172
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406797170
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.5 x 2 x 21.9 cm

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