
Manchmal sind es gerade die Dinge, die auf den ersten Blick langweilig erscheinen, aus denen plötzlich ein richtig spannendes Abenteuer wird. Genau das erlebt Hanna in „Hanna un de Hummel – Hanna und der Hummel: Vun Telemann, Tüdelband un annerswat“ von Benita Brunnert. Schon der Titel macht neugierig und verrät, dass hier nicht einfach irgendeine Kindergeschichte wartet, sondern ein Ausflug in die Welt Hamburgs, seiner Geschichte und seiner ganz eigenen Sprache. Besonders schön finde ich, dass das Buch in einer niederdeutschen Ausgabe vorliegt und damit auch die plattdeutsche Sprache in den Mittelpunkt rückt.
Dabei beginnt Hannas Tag eigentlich ziemlich vielversprechend. Zusammen mit Mama und Papa möchte sie über den Dom bummeln, einen großen Jahrmarkt mit Süßigkeiten, Karussells und Losbuden. Na, wenn das nicht nach einem tollen Nachmittag klingt! Doch Papa hat vorher noch etwas anderes vor: Er möchte sich unbedingt die Hamburger Neustadt ansehen und sein Wissen darüber zum Besten geben. Blöd nur, dass aus seinem angekündigten kurzen Abstecher eine ausgedehnte Geschichtsstunde wird. Während Papa begeistert erzählt, verliert Hanna zunehmend die Geduld. Alte Häuser und lange Vorträge sind nun wirklich nicht das, worauf sie gerade Lust hat.
Ich musste bei dieser Ausgangssituation ein wenig schmunzeln, denn wer kennt solche Situationen nicht? Erwachsene sind von etwas begeistert und möchten ihr Wissen teilen, während Kinder gedanklich längst ganz woanders sind. Hanna reagiert herrlich direkt und macht keinen Hehl aus ihrer Langeweile. Gerade diese kindliche Ungeduld macht sie sympathisch und sorgt dafür, dass man sich schnell in ihre Lage hineinversetzen kann. Sie ist eben kein Kind, das plötzlich alles spannend findet, nur weil Mama oder Papa es interessant erklären.
Doch dann passiert etwas, womit Hanna ganz sicher nicht gerechnet hat. Ein merkwürdiges Hummeln und Brummeln, Glickern und Gluckern liegt plötzlich in der Luft, und ehe sie sich versieht, bekommt sie einen hölzernen Eimer auf den Kopf. Vor ihr steht ein ungewöhnlicher Mann mit schwarzem Anzug, Hut und einem Gestell mit zwei Eimern. Als Kinder um ihn herumtanzen und „Hummel, Hummel!“ rufen, wird klar: Jetzt nimmt Hannas Ausflug eine ganz andere Richtung. Aus dem vermeintlich langweiligen Spaziergang entwickelt sich eine Begegnung, die neugierig auf das macht, was hinter Hamburgs Geschichte steckt.
Besonders gelungen finde ich den spielerischen Umgang mit Sprache und Geschichte. Die niederdeutschen Formulierungen bringen einen ganz eigenen Klang in die Erzählung. Wörter wie „Hummel, Hummel“ und die lautmalerischen Beschreibungen machen das Geschehen lebendig und verleihen dem Buch einen besonderen Charme. Plattdeutsch ist hier nicht einfach nur eine andere Sprache, sondern ein Stück regionaler Kultur, das mit Humor und Fantasie vermittelt wird. Gerade für Familien, die einen Bezug zum Niederdeutschen haben, dürfte das einen besonderen Reiz ausmachen. Aber auch Leser, die Plattdeutsch erst kennenlernen, können sich auf eine ungewöhnliche sprachliche Reise begeben.
Benita Brunnert schafft mit Hanna eine Ausgangssituation, die aus dem Familienalltag gegriffen ist und gleichzeitig Raum für ein fantasievolles Abenteuer bietet. Die Illustrationen von Jenny Müller ergänzen das Buch und machen die gebundene Ausgabe auch optisch interessant. Gerade bei Geschichten für Kinder tragen Bilder viel dazu bei, Figuren und Szenen lebendig werden zu lassen und die Fantasie anzuregen.
Was mir an diesem Konzept besonders gefällt, ist die Idee, Wissen nicht einfach trocken zu vermitteln, sondern in eine Geschichte einzubetten. Kinder müssen nicht immer sofort begeistert sein, wenn es um historische Gebäude, berühmte Persönlichkeiten oder die Vergangenheit einer Stadt geht. Manchmal braucht es eben einen ungewöhnlichen Moment, eine überraschende Begegnung und eine Prise Humor, damit aus vermeintlicher Langeweile echtes Interesse wird. Das macht den Ansatz sympathisch und bietet zugleich Gesprächsstoff für gemeinsame Lesestunden.
Mein persönlicher Eindruck: „Hanna un de Hummel“ klingt nach einer liebevoll gestalteten, unterhaltsamen Kindergeschichte, die Hamburger Geschichte, regionale Traditionen und niederdeutsche Sprache auf besondere Weise miteinander verbindet. Die Geschichte beginnt herrlich alltagsnah, nimmt dann eine überraschende Wendung und macht neugierig darauf, was Hanna noch alles erlebt. Wer Kinderbücher mag, die nicht nur unterhalten, sondern auch kulturelle Besonderheiten vermitteln, dürfte hier einen interessanten Lesetipp finden.
Für Familien, kleine Hamburg-Fans und alle, die Plattdeutsch mögen oder neu entdecken möchten, ist dieses Buch eine schöne Gelegenheit, gemeinsam in eine andere Sprachwelt einzutauchen. Und vielleicht zeigt sich dabei sogar, dass ein vermeintlich langweiliger Spaziergang durch alte Straßen manchmal spannender werden kann als der größte Jahrmarkt. Man muss sich nur auf das Abenteuer einlassen!
- Herausgeber : Amiguitos – Sprachen für Kinder
- Erscheinungstermin : 30. April 2021
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch, Niederdeutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 48 Seiten
- ISBN-10 : 3943079953
- ISBN-13 : 978-3943079951
- Lesealter : Ab 6 Jahren
- Abmessungen : 21.5 x 1.5 x 21.6 cm
