/ November 30, 2025/ Buch, Romane

Was für ein Buch! „Wir Ostpreußen“ von Jochen Buchsteiner ist nicht einfach nur eine Familiengeschichte – es ist ein leuchtendes, kraftvolles Erinnerungswerk, das ein lange übersehenes Stück deutscher Vergangenheit wieder zum Leben erweckt. Mit jeder Seite zieht einen dieses Buch tiefer hinein in eine Welt, die untergegangen ist und doch bis heute nachwirkt. Buchsteiner öffnet eine Tür zu Ostpreußen, einer Provinz, die vielen nur als blasser Schatten aus Schulbüchern oder alten Erzählungen bekannt ist. Doch hier wird sie wieder farbig, warm, widersprüchlich, menschlich.

Ausgangspunkt dieser packenden Erzählung ist der dramatische Winter 1945: die Flucht seiner Großmutter, die mit Mut, Entschlossenheit und einer fast übermenschlichen inneren Stärke der heranrückenden Front entgegenstand. Und doch ist dieses Buch weit mehr als eine Fluchtgeschichte. Es ist ein vibrierendes Porträt einer Region, die voller Kultur, Prägungen und Traditionen war – und deren Verlust sich wie ein Riss durch unzählige Familienbiografien zieht. Buchsteiner beschreibt diesen Verlust nicht mit Sentimentalität, sondern mit einer Mischung aus Staunen, Respekt und tiefem historischen Bewusstsein.

Mit beeindruckender Klarheit führt er uns durch das Leben einer Gutsbesitzerfamilie, deren Alltag und Werte heute fast märchenhaft erscheinen – und doch real waren. Man spürt förmlich die Weite der ostpreußischen Landschaften, die langen Alleen, die stillen Seen, die Höfe, in denen harte Arbeit und fester Zusammenhalt den Ton angaben. Gleichzeitig verschweigt der Autor nichts von den politischen Brüchen, den Irrtümern und Tragödien, die Ostpreußen geprägt haben. Er schreibt offen, aber nie anklagend; gefühlvoll, aber nie kitschig.

Und gerade darin liegt die große Kraft dieses Buches: Es zeigt Ostpreußen als einen komplexen Ort – geliebt und verloren, verletzlich und stolz, tief verankert in der deutschen Geschichte und doch bis heute von vielen nicht wirklich verstanden. Buchsteiner gelingt das Kunststück, die persönliche Familienerinnerung zu einem Fenster auf ein größeres Ganzes zu machen. Der Weg seiner Vorfahren erzählt nicht nur von Flucht und Schmerz, sondern auch von dem, was bleibt: Identität, Herkunft, Fragen, die sich über Generationen hinweg weitertragen.

Man folgt diesem Buch mit klopfendem Herzen, weil es eine Geschichte ist, die gleichzeitig privat und universell wirkt. Jeder Satz vibriert vor Leben. Die historische Genauigkeit verbindet sich mit erzählerischem Schwung zu einer packenden Mischung. Hier wird Geschichte nicht erklärt – sie wird erlebt, gespürt, durchlitten und gefeiert.

Am Ende entsteht ein strahlendes, bewegendes Bild einer deutschen Provinz, die einst selbstverständlich war und heute fast vergessen scheint. Das Buch fordert förmlich dazu heraus, sich dieser verlorenen Welt wieder zuzuwenden und ihre Bedeutung für unser Verständnis von Heimat und Identität neu zu erkennen. Jochen Buchsteiner hat ein Werk geschaffen, das man nicht nur liest, sondern das nachhallt – warm, intensiv und voller menschlicher Tiefe.

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 8. Mai 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 8.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423284706
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423284707
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.2 x 3 x 19.2 cm
  • 26 Euro

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