/ Januar 19, 2026/ Buch

„Das Loch im Trommelfell des Universums“ von Robert Gansler ist kein Buch, das man einfach von vorne nach hinten „wegliest“. Es ist eher eins von der Sorte: aufschlagen, hängen bleiben, nachdenken, wieder zuklappen, später nochmal reinschauen – und plötzlich sieht man die Welt ein kleines bisschen anders.

Gansler schreibt Kurzprosa, oft extrem verdichtet. Manche Texte sind nur ein paar Zeilen lang, fast wie ein Haiku, andere etwas ausführlicher. Aber alle haben gemeinsam, dass sie nicht erklären wollen, sondern anstoßen. Gedanken anstoßen. Zweifel anstoßen. Dieses leise Unbehagen, das entsteht, wenn man merkt: Stimmt, darüber habe ich so noch nie nachgedacht.

Der Autor schaut dahin, wo man im Alltag gern wegsieht. Er stellt Fragen, die man sich normalerweise nicht stellt, weil sie unbequem sind oder weil man glaubt, die Antwort eh schon zu kennen. Er sagt Dinge, die man selten ausspricht – manchmal provokant, manchmal respektlos, dann wieder überraschend sanft und fast romantisch. Genau diese Mischung macht den Reiz des Buches aus.

Zentral ist die Idee, dass der Mensch vielleicht doch nicht das Maß aller Dinge ist. Gansler rüttelt an unserem Selbstverständnis, an unserem Glauben an Fortschritt, Wissenschaft und Kontrolle. Nicht, um Wissenschaft schlechtzumachen, sondern um sie wieder in Relation zu setzen. Wissen ist wichtig – aber eben nicht alles. Gefühl, Zufall, Alltag, Staunen und Scheitern gehören genauso dazu. Wissenschaft und Alltag sind für ihn keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Wirklichkeit. Oder, wie er es sinngemäß beschreibt: Blätter am selben Baum.

Auch große Themen wie Liebe, Natur und Leben bekommen hier keine kitschige Verpackung. Liebe ist bei Gansler keine leere Floskel und auch kein romantisches Ideal, das alles erklärt. Sie ist kompliziert, widersprüchlich, manchmal unbequem. Genauso wie die Beziehung des Menschen zur Natur: nicht verklärt, nicht belehrend, sondern ehrlich und oft ernüchternd.

Der Titel passt perfekt zum Inhalt. Dieses „Loch im Trommelfell des Universums“ fühlt sich an wie ein Moment, in dem man kurz aus dem gewohnten Rauschen herausfällt. Ein kleines Pfeifen im Kopf, das bleibt, nachdem man einen Text gelesen hat. Man versteht vielleicht nicht alles sofort – aber genau das ist gewollt. Die Texte arbeiten nach, leise, im Hintergrund.

Das Buch richtet sich an Menschen, die gern tiefer graben. An alle, die es als Glück empfinden, nicht nur an der Oberfläche zu bleiben. Man braucht keine philosophische Ausbildung, aber Offenheit. Lust auf Denken. Lust darauf, Unsicherheiten auszuhalten.

„Das Loch im Trommelfell des Universums“ ist kein Wohlfühlbuch, aber auch kein schwer verdaulicher Theorieklotz. Es ist klug, eigenwillig und manchmal unbequem – und gerade deshalb so spannend. Ein Buch für Zwischendurch, das lange im Kopf bleibt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Graue Edition
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 25. Juli 2024
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 435 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3907370031
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3907370032
  • 27 Euro

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