
Die Harpyie von Megan Hunter ist ein intensiver, düsterer Roman über Betrug, Wut, Macht und Selbstbefreiung. In klarer, eindringlicher Sprache erzählt die Autorin die Geschichte einer Frau, die nach einem tiefen Vertrauensbruch beginnt, ihre eigenen Grenzen – und die der Realität – zu überschreiten.
Lucy Stevenson lebt mit ihrem Ehemann Jake und den beiden gemeinsamen Söhnen in einer wohlhabenden Kleinstadt in England. Nach außen wirkt ihr Leben geordnet und ruhig. Jake arbeitet an einer Universität und pendelt täglich, Lucy bleibt meist zu Hause, kümmert sich um die Kinder und organisiert den Alltag. Sie hat ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse lange zurückgestellt, um für die Familie da zu sein. Alles scheint stabil – bis ein einziger Anruf alles verändert.
Lucy erfährt, dass Jake sie mit einer Kollegin betrügt. Der Schock sitzt tief. Vertrauen, Sicherheit und Selbstwert brechen auf einen Schlag zusammen. Trotzdem entscheidet sich das Paar, zusammenzubleiben. Um den Verrat auszugleichen, treffen sie eine ungewöhnliche und gefährliche Abmachung: Lucy darf Jake drei Mal bestrafen. Wann diese Strafen stattfinden und wie sie aussehen, entscheidet allein sie. Jake weiß nur, dass sie kommen werden – irgendwann.
Was zunächst wie ein kontrollierter Versuch wirkt, die Ehe zu retten, entwickelt sich schnell zu einem psychologischen Machtspiel. Zwischen Lucy und Jake entsteht eine spannungsgeladene Atmosphäre aus Angst, Erwartung und Schuld. Für Lucy werden die Bestrafungen mehr als nur Rache. Sie entdeckt Gefühle, die sie lange unterdrückt hat: Wut, Lust an der Kontrolle, aber auch ein neues Gefühl von Stärke.
Mit jeder „Strafe“ verändert sich Lucy mehr. Nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Körper und ihr Denken wandeln sich. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Vorstellung beginnen zu verschwimmen. Lucy fühlt sich zunehmend von einer archaischen, wilden Kraft geleitet – wie von einer Harpyie aus der griechischen Mythologie, einem weiblichen Mischwesen, das für Rache, Zorn und ungezähmte Energie steht. Diese innere Verwandlung ist faszinierend, aber auch beängstigend, denn sie lässt sich nicht mehr rückgängig machen.
Der Roman erzählt nicht nur von Ehebruch, sondern von den Rollen, in die Frauen gedrängt werden: Mutter, Ehefrau, Unterstützerin. Lucy beginnt, diese Rollen infrage zu stellen. Sie fragt sich, wer sie jenseits der Erwartungen anderer eigentlich ist. Dabei zeigt Megan Hunter, wie dünn die Linie zwischen Anpassung und Selbstverlust sein kann – und was passiert, wenn angestaute Wut endlich einen Ausweg findet.
Die Harpyie ist kein klassischer Thriller, sondern ein literarisch dichter, symbolischer Roman. Die Sprache ist bildreich und poetisch, manchmal verstörend, oft sehr nah an Lucys innerem Erleben. Das Buch behandelt große Themen wie Liebe und Verrat, Mutterschaft, weibliche Identität, Schuld und Befreiung. Es stellt unbequeme Fragen und gibt keine einfachen Antworten.
Dieser Roman ist intensiv und nachhallend. Er richtet sich an Leserinnen und Leser, die psychologische Tiefe mögen und sich auf eine dunkle, emotionale Geschichte einlassen wollen. Die Harpyie ist ein modernes, fast märchenhaftes Buch über eine Frau, die sich verändert – und über den Preis, den diese Veränderung fordert.
- Herausgeber : C.H.Beck
- Erscheinungstermin : 9. April 2021
- Auflage : 2.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 229 Seiten
- ISBN-10 : 3406766633
- ISBN-13 : 978-3406766633
- Originaltitel : Harpy The
- Abmessungen : 12.6 x 3.3 x 20.8 cm
