/ Februar 5, 2026/ Buch, Romane

Der Feuerturm von Cătălin Dorian Florescu ist ein großer, vielschichtiger Roman über Erinnerung, Herkunft und die Verwerfungen der europäischen Geschichte. Mit ruhiger Intensität und erzählerischer Eleganz spannt Florescu einen Bogen über ein ganzes Jahrhundert und rückt dabei Bukarest – oft übersehen, oft missverstanden – ins Zentrum einer zutiefst europäischen Erzählung.

Als der Feuerturm im Jahr 1892 errichtet wird, ist er das höchste Gebäude der Stadt. Er steht für Fortschritt, Übersicht, Kontrolle – und wird zugleich zu einem stillen Beobachter. Generationen ziehen an ihm vorbei, Regime kommen und gehen, Hoffnungen entzünden sich und verglimmen. Der Turm bleibt. 1989, während des Aufstands gegen die kommunistische Diktatur, ist er längst nicht mehr das höchste Bauwerk, doch seine symbolische Kraft ist ungebrochen: Er hat gesehen, was viele lieber vergessen würden.

Im Mittelpunkt des Romans steht Victor, dessen Familie seit Generationen mit dem Feuerturm verbunden ist. Feuerwehrmänner, Wächter, Hüter – der Turm ist für sie nicht nur Arbeitsplatz, sondern Lebenszentrum, Identität, Verpflichtung. Victor jedoch ist der Erste, der diese Tradition bricht. Er entfernt sich von dem vorgezeichneten Weg, sucht ein eigenes Leben, eine andere Form von Freiheit. Doch wie so oft in Florescus Romanen ist das Entkommen nur scheinbar möglich. Ein Verrat – tückisch, prägend, unausweichlich – legt sich über Victors Leben und bindet ihn auf neue, schmerzhafte Weise an den Turm zurück.

Der Feuerturm wird so zur zentralen Metapher des Romans: Er steht für Herkunft und Überwachung, für Schutz und Gefangenschaft, für die Frage, wie sehr das Leben eines Einzelnen von Geschichte geformt wird. Florescu erzählt nicht linear, sondern in Bewegungen, Erinnerungen, Verschiebungen. Persönliche Schicksale verflechten sich mit den politischen Umbrüchen Rumäniens: Monarchie, Krieg, Diktatur, Revolution. Geschichte ist hier kein Hintergrund, sondern greift direkt in Körper, Beziehungen und Entscheidungen ein.

Besonders eindrucksvoll ist Florescus Sprache. Sie ist präzise und bildstark, ohne sich in Pathos zu verlieren. Mit großer Empathie zeichnet er Figuren, die zwischen Anpassung und Widerstand, Loyalität und Schuld gefangen sind. Bukarest erscheint dabei als lebendiger Organismus – widersprüchlich, verletzlich, voller Brüche und unerwarteter Schönheit.

Der Feuerturm ist ein Roman über das Vererben von Geschichten und Traumata, über das Weiterleben trotz Verrat, über das schwierige Erbe Europas im Osten und in der Mitte des Kontinents. Gerade in Zeiten neuer Kriege und politischer Verschiebungen gewinnt diese Erzählung eine bedrückende Aktualität. Sie erinnert daran, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist – und dass ihre Zeugen oft stumme Bauwerke sind, die mehr gesehen haben, als Worte je fassen können.

Ein bewegendes, aufrüttelndes Buch, das lange nachhallt. Kein lauter Roman, aber ein nachhaltiger – einer, der den Blick schärft für die verborgenen Linien zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Mai 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423149299
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423149297
  • Originaltitel ‏ : ‎ Der Feuerturm
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.2 x 2.65 x 19.1 cm

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