/ Februar 6, 2026/ Buch, Romane

In der Wüste der Gegenwart ist ein kluges, waches und überraschend gut lesbares Buch – trotz der großen, schweren Themen, die hier verhandelt werden. Moshe Zuckermann und Florian Rötzer liefern keinen trockenen Theorieband ab, sondern ein echtes Gespräch: offen, tastend, manchmal widersprüchlich, immer ernsthaft bemüht, unsere Gegenwart zu verstehen.

Im Zentrum steht ein Dialog zweier Intellektueller, die aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten kommen: Israel und Deutschland, Geschichte und Journalismus, persönliche Erfahrung und philosophische Reflexion. Genau diese Unterschiede machen den Reiz des Buches aus. Man hat beim Lesen das Gefühl, zwei Menschen zuzuhören, die sich nicht gegenseitig bestätigen wollen, sondern wirklich nachdenken – und einander auch herausfordern.

Das Gespräch kreist um das, was viele als diffuse Unruhe spüren: Krieg, KI, politische Radikalisierung, eine verunsicherte Demokratie und eine Öffentlichkeit, die immer lauter, aber nicht unbedingt klüger wird. Besonders eindrücklich ist, wie klar die Autoren benennen, dass kritisches Denken zunehmend unter Druck gerät. Diskurse verstummen, nicht weil es nichts zu sagen gäbe, sondern weil die Bedingungen dafür schlechter werden: Algorithmen belohnen Vereinfachung, Empörung und Lagerdenken, während differenzierte Positionen kaum noch durchdringen.

Zuckermann und Rötzer analysieren das ohne kulturpessimistisches Gejammer, aber auch ohne Schönfärberei. Sie sprechen über das Erstarken rechter Bewegungen, über die Angst vor Wissenschaft und Kultur, über den Verlust von Ambiguitätstoleranz – also der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Dabei bleibt das Buch erstaunlich bodenständig. Es will nicht belehren, sondern zum Mitdenken einladen. Man merkt: Hier geht es nicht um intellektuelle Eitelkeit, sondern um Verantwortung.

Ein besonders spannender Teil ist die Frage nach der Rolle der Intellektuellen heute. Die Autoren sind sich einig, dass Anpassung keine Lösung ist. Wer sich zu sehr an politische Lager, mediale Erwartungen oder moralische Moden bindet, verliert genau das, was kritisches Denken ausmacht. Stattdessen plädieren sie für eine unbequeme Position: den Intellektuellen als Außenseiter, der stört, irritiert und nicht vereinnahmt werden kann – ein Bild, das bewusst an die Philosophen der Antike erinnert.

Trotz der ernsten Diagnose ist das Buch nicht hoffnungslos. Es steckt eine leise, aber klare Aufforderung darin: Denken ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Gerade in einer Zeit des Dauerlärms braucht es Menschen, die innehalten, Begriffe klären und unbequeme Fragen stellen – auch wenn das nicht belohnt wird.

In der Wüste der Gegenwart ist kein Buch für schnelle Antworten, sondern für Leserinnen und Leser, die Lust auf Tiefe haben. Es fordert Aufmerksamkeit, schenkt dafür aber Orientierung. Ein anregender, ehrlicher Dialog, der Mut macht, das eigene Denken nicht an Algorithmen, Schlagzeilen oder Mehrheitsmeinungen abzugeben.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Westend
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 19. Januar 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3987913592
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3987913594
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.1 x 1.5 x 21 cm

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