
Gott und die Welt: Aufzeichnungen aus der Wiesenau ist ein kluges, warmes und überraschend zeitnahes Buch. In ruhiger, klarer Sprache lässt Marie Luise Kaschnitz die Leserinnen und Leser an ihren Gedanken über das Leben, die Gesellschaft und ihre Stadt teilhaben. Es ist ein Buch zum langsamen Lesen, zum Nachdenken – und zum Wiedererkennen.
Im Mittelpunkt stehen persönliche Aufzeichnungen aus dem Frankfurt der 1960er-Jahre. Kaschnitz lebt im Westend, einem Stadtteil im Umbruch. Die Stadt verändert sich sichtbar: Häuser verschwinden, Straßen werden neu geplant, vertraute Orte verlieren ihr Gesicht. Diese Veränderungen lösen bei ihr eine tiefe Unruhe aus, vor allem als ihr selbst die Kündigung der Wohnung droht. Das Zuhause, das Sicherheit geben sollte, wird plötzlich fragil. Aus dieser ganz persönlichen Verunsicherung heraus blickt sie aufmerksam auf ihre Umgebung und auf die Zeit, in der sie lebt.
Gleichzeitig spürt man in ihren Texten den Geist einer Epoche, die kurz vor großen gesellschaftlichen Umwälzungen steht. Die Studentenbewegung, politische Proteste und neue Denkweisen liegen bereits in der Luft. Kaschnitz beobachtet diese Entwicklungen mit wachem, aber unaufgeregtem Blick. Sie urteilt nicht vorschnell, sondern versucht zu verstehen. Dabei verbindet sie persönliche Erfahrungen mit größeren Fragen, die über ihre eigene Situation hinausgehen.
Besonders beeindruckend ist, wie aktuell viele ihrer Gedanken heute noch wirken. Sie schreibt über die Zukunft der Arbeit, über Sorgen angesichts technischer Entwicklungen und über den Umgang des Menschen mit der Natur. Themen, die uns Jahrzehnte später erneut beschäftigen. Ihre Texte zeigen, dass viele Fragen des modernen Lebens keine neuen sind – und dass es sich lohnt, ihnen mit Ruhe und Nachdenklichkeit zu begegnen.
Trotz aller Unsicherheiten und Sorgen ist Gott und die Welt kein düsteres Buch. Im Gegenteil: Es ist durchzogen von Wärme, feinem Humor und einer tiefen Verbundenheit mit dem Leben. Kaschnitz beschreibt kleine Alltagsbeobachtungen ebenso liebevoll wie große Gedanken. Sie findet Bedeutung im Gewöhnlichen und zeigt, dass selbst in Zeiten des Wandels Halt möglich ist – durch Aufmerksamkeit, Sprache und Erinnerung.
Frankfurt nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Die Stadt ist nicht nur Kulisse, sondern ein lebendiger Gesprächspartner. Kaschnitz zeichnet ein Bild von Frankfurt, das nah und menschlich ist, voller Widersprüche und doch vertraut. Ein Ort, an dem man gerne lebt, auch wenn nicht alles sicher ist. Ihre Aufzeichnungen machen die Stadt spürbar und lassen sie in ihrer Vielfalt und Geschichte aufleuchten.
Die Ausgabe, herausgegeben von Rainer Weiss und mit einem einordnenden Vorwort von Ina Hartwig, macht diesen Textschatz neu zugänglich. Sie lädt dazu ein, Marie Luise Kaschnitz als aufmerksame Beobachterin, kluge Denkerin und feinfühlige Erzählerin neu oder wiederzuentdecken.
Gott und die Welt: Aufzeichnungen aus der Wiesenau ist ein stilles, tiefes Buch über das Leben mitten im Wandel. Es schenkt Orientierung, ohne Antworten aufzuzwingen, und zeigt, wie wertvoll es ist, genau hinzusehen – auf die Welt, auf die Stadt und auf sich selbst.
- Herausgeber : Edition W GmbH
- Erscheinungstermin : 26. Januar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 200 Seiten
- ISBN-10 : 3949671234
- ISBN-13 : 978-3949671234
- Abmessungen : 13.2 x 1.8 x 21.1 cm
