
Sechzehn Monate ist ein stilles, berührendes Buch, das lange nachhallt – ohne laut zu sein oder auf dicke Effekte zu setzen. Fabio Andina erzählt hier die Geschichte seines Großvaters Giuseppe Vaglio, und man merkt auf jeder Seite: Das ist persönlich, ehrlich und mit viel Respekt geschrieben.
Die Handlung beginnt in einem kleinen Dorf an der italienisch-schweizerischen Grenze, mitten im Zweiten Weltkrieg. Giuseppe ist Schreiner, Familienvater, ein ruhiger Typ – und jemand, der einfach das Richtige tut. Er hilft Juden und verletzten Partisanen, über die Grenze in die Schweiz zu kommen. Kein Heldentum mit großen Reden, sondern ganz pragmatisch, von Mensch zu Mensch. Genau das macht die Geschichte so stark. Als Giuseppe 1944 von der SS verhaftet wird, reißt das ein Loch in seine Familie und ins ganze Dorf.
Andina beschreibt nicht nur Giuseppes Leidensweg durch Gefängnisse, Deportation und das KZ Mauthausen, sondern auch das, was zu Hause passiert. Seine Frau Concetta ist eine unglaublich eindrucksvolle Figur: tief religiös, stark, voller Angst – und trotzdem bemüht, ihren Kindern Halt und Normalität zu geben. Man spürt ihre Verzweiflung, aber auch ihre Liebe und ihren Willen, nicht aufzugeben. Diese Perspektive macht das Buch besonders nahbar, weil klar wird: Krieg zerstört nicht nur die, die verschleppt werden, sondern auch die, die zurückbleiben und warten.
Der Ton des Romans ist ruhig, fast leise. Andina übertreibt nichts, dramatisiert nicht künstlich. Gerade dadurch wirken die Grausamkeiten umso stärker. Die KZ-Zwangsarbeit, der Hunger, die Erschöpfung – all das wird klar benannt, aber ohne sensationslustig zu sein. Es ist schwer zu lesen, ja, aber nie erdrückend. Immer wieder blitzt Menschlichkeit auf: kleine Gesten, Gedanken an die Familie, Erinnerungen an Liebe und Heimat. Vor allem die Beziehung zwischen Giuseppe und Concetta ist ein emotionaler Anker. Seine Liebe zu ihr, das Wissen, dass sie auf ihn wartet, gibt ihm die Kraft zu überleben.
Auch das Dorf Cremenaga spielt eine wichtige Rolle. Es wird als Gemeinschaft gezeigt, die zusammenhält, auch wenn der Faschismus Misstrauen sät und einzelne Menschen vergiftet. Diese Mischung aus Solidarität und Angst fühlt sich sehr real an und macht deutlich, wie kompliziert das Leben in solchen Zeiten war – nichts ist schwarz-weiß.
Als Giuseppe nach sechzehn Monaten zu Fuß nach Hause zurückkehrt, gezeichnet fürs Leben, ist das kein klassisches Happy End. Er schweigt über das Erlebte bis zu seinem Tod. Und trotzdem liegt in diesem Schweigen, in diesem Überleben, etwas Hoffnungsvolles. Das Buch feiert leise die Menschlichkeit, die Liebe und die Kraft ganz normaler Menschen.
Sechzehn Monate ist kein schneller Roman für zwischendurch, sondern einer, den man langsam liest und mitnimmt. Ein wichtiges, warmes Buch über Mut, Zusammenhalt und darüber, wie viel Stärke in stillen Menschen steckt.
- Herausgeber : Rotpunktverlag
- Erscheinungstermin : 16. April 2025
- Auflage : 1. Auflage 2025
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 216 Seiten
- ISBN-10 : 3039730525
- ISBN-13 : 978-3039730520
- Originaltitel : Sedici mesi
- Abmessungen : 20.4 x 12.5 x 20.4 cm
