
Das Buch „Wirtschaft als Erste Philosophie? Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“ von Carsten Lotz erscheint am 1. Oktober 2025 als Taschenbuch. Es setzt sich kritisch mit einer Denkweise auseinander, die unseren Alltag stark prägt: dem ökonomischen Denken.
Der Autor stellt eine grundlegende Frage: Ist die Wirtschaft zur wichtigsten Denkweise unserer Zeit geworden? Und wenn ja – welche Folgen hat das für unser Leben, unsere Gesellschaft und unser Menschenbild?
Was bedeutet „ökonomische Vernunft“?
Mit „ökonomischer Vernunft“ ist eine bestimmte Art zu denken gemeint. Sie fragt vor allem:
- Was bringt den größten Nutzen?
- Wie kann ich mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel erreichen?
- Wo lohnt sich eine Investition?
Diese Denkweise ist ursprünglich ein Werkzeug der Wirtschaft. Unternehmen müssen planen, rechnen, vergleichen und entscheiden. Das ist sinnvoll und notwendig. Problematisch wird es laut Lotz aber dann, wenn diese Logik auf alle Lebensbereiche übertragen wird.
Heute denken viele Menschen auch im Privatleben in Kategorien wie „Effizienz“, „Optimierung“ und „Rendite“. Beziehungen, Bildung, Gesundheit oder sogar Freundschaft werden manchmal wie Projekte oder Investitionen betrachtet. Zeit gilt als knappes Gut, das man möglichst produktiv nutzen muss.
Wirtschaft als „Erste Philosophie“
In der Philosophie bezeichnet „Erste Philosophie“ eine grundlegende Denkweise, auf der alles andere aufbaut. Der Autor argumentiert, dass die Wirtschaft in der Moderne eine solche Rolle übernommen hat.
Das bedeutet:
Ökonomisches Denken bestimmt nicht mehr nur Märkte, sondern auch Politik, Bildung, Medien und sogar unser Selbstbild. Viele gesellschaftliche Probleme werden fast automatisch mit wirtschaftlichen Lösungen beantwortet: Wachstum, Wettbewerb, Effizienzsteigerung.
Lotz sieht darin eine Gefahr. Wenn alles unter dem Blickwinkel von Kosten und Nutzen betrachtet wird, geraten andere Werte in den Hintergrund – zum Beispiel Solidarität, Mitgefühl oder Gerechtigkeit.
Die Rolle des Managements
Ein weiterer wichtiger Punkt des Buches ist die Rolle des Managements. Managerinnen und Manager führen längst nicht mehr nur Unternehmen. Managementmethoden finden sich heute auch in Schulen, Universitäten, Krankenhäusern, Verwaltungen und sogar im privaten Alltag.
Begriffe wie „Selbstmanagement“, „Zeitmanagement“ oder „Karrieremanagement“ zeigen, wie stark diese Denkweise verbreitet ist. Der Mensch wird dabei leicht zu einer Art Projekt, das ständig verbessert und optimiert werden muss.
Der Autor beschreibt diese Entwicklung kritisch. Er spricht davon, dass sich eine „herrschende Klasse“ gebildet hat, die diese Denkweise stützt und weiterverbreitet. Wirtschaft erscheint dadurch als selbstverständlich und alternativlos.
Ökonomie als Heilsversprechen
Besonders deutlich wird die Kritik dort, wo wirtschaftliches Denken fast religiöse Züge annimmt. Wachstum wird wie ein Heilsversprechen behandelt: Wenn die Wirtschaft wächst, so die Hoffnung, lösen sich viele Probleme von selbst.
Doch Lotz fragt:
Was passiert, wenn dieses Versprechen nicht erfüllt wird?
Was, wenn Wachstum neue Probleme schafft – etwa Umweltzerstörung oder soziale Ungleichheit?
Wenn die Wirtschaft zur „Ersten Philosophie“ wird, also zur obersten Denkform, dann prägt sie auch unser Verständnis vom Menschen. Der Mensch erscheint dann vor allem als Konsument, Produzent oder Konkurrent.
Der Mensch ist mehr als ein Konkurrent
Ein zentraler Gedanke des Buches lautet: Der andere Mensch ist nicht in erster Linie ein Wettbewerber. Doch in einer stark ökonomisch geprägten Gesellschaft wird Konkurrenz oft als natürlicher Zustand betrachtet.
Lotz stellt dem eine andere Sichtweise entgegen. Er fordert dazu auf, wieder neu zu lernen, anders zu denken. Nicht alles ist knapp. Nicht jede Begegnung ist ein Wettbewerb. Und nicht jede Entscheidung muss sich rechnen.
Die Aussage „Die Welt ist kein Business Case“ bringt diese Kritik auf den Punkt. Ein Business Case ist eine wirtschaftliche Begründung für eine Entscheidung. Doch das Leben lässt sich nicht vollständig in Zahlen, Diagramme und Gewinnprognosen fassen.
Kritik und Ausblick
Das Buch ist keine einfache Abrechnung mit der Wirtschaft. Es geht nicht darum, ökonomisches Denken völlig abzulehnen. Vielmehr will der Autor zeigen, dass es nur ein Instrument unter vielen ist.
Wenn dieses Instrument jedoch zum alleinigen Maßstab wird, entsteht ein Ungleichgewicht. Menschliche Würde, moralische Verantwortung und gesellschaftlicher Zusammenhalt dürfen nicht nur nach Effizienz beurteilt werden.
Lotz ruft dazu auf, den eigenen Denkstil zu hinterfragen. Wie oft denken wir in Kategorien von Nutzen, Vorteil und Gewinn? Wo übernehmen wir wirtschaftliche Begriffe unbewusst in unser Selbstverständnis?
Für wen ist das Buch geeignet?
Das Buch richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für Philosophie, Gesellschaft und Wirtschaft interessieren. Es ist besonders relevant für Menschen, die in Bildung, Politik, Management oder Sozialwissenschaften tätig sind – aber auch für alle, die ihr eigenes Denken kritisch reflektieren möchten.
Ein kluges und zugleich gut verständliches Buch, das zum Nachdenken anregt. Carsten Lotz zeigt überzeugend, wie stark ökonomisches Denken unseren Alltag prägt – und warum es wichtig ist, Alternativen zu entwickeln. Die Argumentation ist klar, kritisch und dennoch ausgewogen. Sehr empfehlenswert für alle, die Wirtschaft, Gesellschaft und ihr eigenes Denken reflektieren möchten.
- Herausgeber : Verlag Karl Alber
- Erscheinungstermin : 1. Oktober 2025
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 319 Seiten
- ISBN-10 : 3495989935
- ISBN-13 : 978-3495989937
- Abmessungen : 13.4 x 2.3 x 21 cm
