
Im Herzen des Weltfeindes ist kein trockenes Geschichtsbuch, sondern ein lebendiges Fenster in einen der bedeutendsten Momente des 20. Jahrhunderts: den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Herausgegeben von Klaus Bittermann versammelt der Band eindrucksvolle Reportagen unter anderem von Rebecca West und weiteren Journalistinnen, die als unmittelbare Zeuginnen im Gerichtssaal saßen.
Der Prozess selbst – historisch bekannt als die Nürnberger Prozesse – begann am 20. November 1945 im Justizpalast von Nürnberg und endete am 1. Oktober 1946. Zum ersten Mal in der Geschichte mussten führende Vertreter eines besiegten Staates sich vor einem internationalen Gericht verantworten. Nicht anonyme Zahlen standen hier im Mittelpunkt, sondern konkrete Menschen: Minister, Militärs, Ideologen des nationalsozialistischen Regimes.
Was dieses Buch besonders macht, ist der Blickwinkel. Die Autorinnen schreiben nicht mit der Distanz späterer Historiker, sondern mit der Unmittelbarkeit von Augenzeuginnen. Sie schildern den Gerichtssaal als einen Ort gespannter Stille. Dolmetscherkabinen surren leise, Kopfhörer übertragen jedes Wort in mehrere Sprachen. Die Angeklagten sitzen hinter Glas, reglos, manche arrogant, manche müde, manche scheinbar ungerührt.
Doch „Im Herzen des Weltfeindes“ richtet den Blick nicht nur auf die juristische Bühne. Draußen liegt eine zerstörte Stadt. Nürnberg, einst Kulisse gigantischer Parteitage, ist nun eine Trümmerlandschaft. Zwischen Ruinen und rauchgeschwärzten Fassaden bewegen sich Soldaten, Journalisten, Überlebende. Die Reporterinnen beschreiben die Kälte des Winters, das knappe Essen, die Mischung aus Neugier und Abwehr in den Gesichtern der Bevölkerung.
In einer klaren, atmosphärischen Sprache zeichnen sie das Spannungsfeld zwischen Schuld und Verdrängung. Drinnen wird über Verbrechen gesprochen, deren Ausmaß kaum zu begreifen ist: Konzentrationslager, Vernichtung, Angriffskrieg. Draußen versuchen Menschen, ihren Alltag neu zu ordnen. Diese Gleichzeitigkeit erzeugt eine eigentümliche Schwere – als läge ein unsichtbarer Druck über allem.
Rebecca West etwa beobachtet genau die Gestik der Angeklagten, ihre Mienen, ihre Strategien der Selbstrechtfertigung. Sie fragt nicht nur, was sie getan haben, sondern wie sie sich selbst sehen. Andere Reporterinnen konzentrieren sich stärker auf die Atmosphäre: das Knarren der Bänke, das Rascheln von Papier, das Husten im Saal. Aus solchen Details entsteht ein dichtes Bild.
Der Titel „Im Herzen des Weltfeindes“ spielt auf das damalige Feindbild an. Für viele war Deutschland das Zentrum einer beispiellosen Zerstörung. Doch das Buch vermeidet einfache Schwarz-Weiß-Malerei. Es zeigt, dass Geschichte von Menschen gemacht wird – mit Schwächen, Überzeugungen, Irrtümern und Ideologien. Gerade dadurch wird das Geschehen begreifbarer.
Zugleich wird deutlich, wie neu und gewagt dieses juristische Experiment war. Ein internationales Tribunal, gegründet von den Siegermächten, sollte Recht sprechen über Verbrechen, die in dieser Dimension zuvor kaum vorstellbar waren. Die Autorinnen spüren, dass hier etwas Grundsätzliches geschieht: der Versuch, Gewalt nicht nur militärisch zu besiegen, sondern moralisch und rechtlich zu fassen.
Der Band aus der Reihe „Critica Diabolis“ lädt dazu ein, sich in diese Zeit hineinzuversetzen. Er erklärt nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern lässt Bilder und Stimmen wirken. Die Sprache ist klar, aber nicht nüchtern; sie ist einfühlsam, ohne pathetisch zu werden.
So entsteht ein Panorama aus Gerichtssaal und Ruinenstadt, aus Schuld und Neuanfang, aus historischer Wucht und menschlicher Nähe. „Im Herzen des Weltfeindes“ macht deutlich: Der Nürnberger Prozess war mehr als ein juristisches Verfahren. Er war ein Moment, in dem die Welt versuchte, nach unermesslichem Leid eine Ordnung zu finden – und Worte für das Unfassbare.
- Herausgeber : edition TIAMAT
- Erscheinungstermin : 16. Februar 2026
- Auflage : New
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 224 Seiten
- ISBN-10 : 3893203419
- ISBN-13 : 978-3893203413
- Abmessungen : 12.5 x 2 x 21 cm
- 22 Euro
