
Persönliche Erlebnisrezension: „7 Arten, eine Katze zu töten“ von Matías Néspolo
Es gibt Bücher, bei denen man sich nach den ersten Seiten erst einmal sammeln muss, weil die Geschichte so unmittelbar und schonungslos erzählt wird. „7 Arten, eine Katze zu töten“ von Matías Néspolo, übersetzt von Inka Marter, war für mich genau so ein Buch. Ich hatte einen spannenden Roman erwartet, bekommen habe ich jedoch eine raue, intensive und teilweise erschütternde Geschichte über Freundschaft, Gewalt, Armut und zwei junge Männer, die in eine Welt hineingezogen werden, aus der es offenbar kaum ein Entkommen gibt.
Schon der ungewöhnliche Titel hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Doch hinter diesem provokanten Titel verbirgt sich kein oberflächlicher Schocker, sondern ein Roman, der tief in eine Gesellschaft eintaucht, in der Gewalt zum Alltag gehört. Die Geschichte spielt im Buenos Aires zur Zeit des argentinischen Finanzcrashs und führt mitten hinein in ein von Kriminalität, Armut und Perspektivlosigkeit geprägtes Viertel.
Im Mittelpunkt stehen die beiden jungen Männer Gringo und Chueco, die an einer schwierigen Schwelle ihres Lebens stehen. Sie sind jung, wollen ihren Platz finden und gleichzeitig irgendwie überleben. Während Chueco davon überzeugt ist, dass sie sich einer Gang anschließen müssen, um in ihrer Umgebung bestehen zu können, betrachtet Gringo die Situation wesentlich nüchterner. Er weiß, dass ein Gangsterboss keine wirkliche Freiheit verspricht. Wer dazugehört, muss gehorchen – und wer nicht gehorcht, bezahlt einen hohen Preis.
Gerade diese unterschiedlichen Sichtweisen haben mich beim Lesen besonders beschäftigt. Chueco möchte Stärke beweisen und dazugehören. Gringo erkennt dagegen früher, wie gefährlich dieses Spiel ist. Trotzdem geraten beide immer tiefer in die Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Banden von El Jetita und Charly. Es geht um Drogen, Prostitution, Macht und die Kontrolle über das Viertel. Was zunächst wie eine Entscheidung aussieht, wird immer mehr zu einer Falle.
Sehr eindrucksvoll fand ich, wie der Autor die Atmosphäre dieses Buenos Aires vermittelt. Man hat beim Lesen beinahe das Gefühl, durch die Straßen des Viertels zu gehen und die Menschen, Geräusche und Spannungen unmittelbar mitzuerleben. Der verwendete Straßenjargon trägt viel zu diesem Eindruck bei. Er macht die Geschichte nicht unbedingt bequem lesbar, aber gerade dadurch wirkt sie authentisch und unverfälscht.
Auch die Figuren sind mir im Gedächtnis geblieben. Besonders Gringo empfand ich als interessante Hauptfigur, weil er nicht einfach dem klassischen Bild eines Helden entspricht. Er versucht, in einer schwierigen Umgebung seinen eigenen Weg zu finden und gleichzeitig nicht seine Menschlichkeit zu verlieren. Chueco wiederum zeigt, wie schnell der Wunsch nach Anerkennung und Stärke einen jungen Menschen in gefährliche Situationen führen kann.
Dazu kommen Figuren wie der skrupellose Gangsterboss El Jetita oder der groteske Barbesitzer Fat Farías, die dem Roman zusätzliche Farbe verleihen. Manche Charaktere wirken fast überzeichnet, und gerade dadurch bleiben sie besonders präsent. Jeder scheint seine eigene Geschichte zu tragen, und hinter der teilweise skurrilen Fassade verbirgt sich eine Welt, in der Gewalt und soziale Not allgegenwärtig sind.
Was mich an diesem Roman besonders beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass die Geschichte zwar sehr konkret in Buenos Aires angesiedelt ist, gleichzeitig aber etwas Allgemeingültiges erzählt. Das Barrio könnte ebenso gut an einem anderen Ort liegen. Denn die eigentliche Geschichte handelt von jungen Menschen, denen Perspektiven fehlen und die dadurch leichter in Strukturen geraten, die sie letztlich selbst zerstören.
Beim Lesen wurde mir immer wieder bewusst, dass hier niemand einfach nur „gut“ oder „böse“ ist. Die Lebensumstände spielen eine entscheidende Rolle. Armut, fehlende Möglichkeiten, Gruppendruck und Gewalt beeinflussen die Entscheidungen der Figuren. Das macht den Roman für mich wesentlich interessanter als einen gewöhnlichen Gangster- oder Kriminalroman.
Trotz der teilweise brutalen Handlung fand ich das Buch nicht eindimensional. Im Gegenteil: Zwischen Gewalt und Verzweiflung finden sich Freundschaft, Liebe, Hoffnung und der Wunsch nach einem anderen Leben. Gerade diese Gegensätze machen die Geschichte so eindringlich. Gringo erlebt, wie schnell sich das Leben verändern kann und wie wenig Kontrolle man manchmal über die Ereignisse behält.
Auch sprachlich ist „7 Arten, eine Katze zu töten“ etwas Besonderes. Matías Néspolo schreibt direkt, lebendig und ohne unnötige Beschönigungen. Die Übersetzung von Inka Marter trägt dazu bei, dass der besondere Ton des Romans erhalten bleibt. Man spürt die Straße, die Wut und die Unsicherheit der Figuren.
Mein persönlicher Eindruck fällt deshalb trotz der harten Thematik sehr positiv aus. „7 Arten, eine Katze zu töten“ ist kein gemütlicher Roman, sondern eine intensive literarische Reise in eine Welt voller Gewalt, Armut und gesellschaftlicher Ausweglosigkeit. Gleichzeitig ist es eine Geschichte über Freundschaft, Erwachsenwerden und die schwierige Suche nach einem eigenen Weg.
Wer spannende Kriminalromane, Gangsterromane, gesellschaftskritische Literatur oder Geschichten über Buenos Aires und das Leben in sozialen Brennpunkten mag, dürfte hier eine außergewöhnliche Lektüre finden. Besonders gefallen hat mir, dass der Roman nicht nur Spannung erzeugt, sondern seine Figuren und deren Lebensumstände ernst nimmt.
Für mich ist dieses Buch vor allem deshalb im Gedächtnis geblieben, weil es zeigt, wie schnell aus einer scheinbar kleinen Entscheidung eine lebensverändernde Entwicklung werden kann. Aus einem Jugendlichen, der dazugehören möchte, wird jemand, der um sein eigenes Leben kämpfen muss.
„7 Arten, eine Katze zu töten“ ist hart, atmosphärisch und schonungslos – aber gerade deshalb auch bemerkenswert. Ein Roman, der mich nicht nur unterhalten, sondern auch nachdenklich gemacht hat. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke: Man legt das Buch am Ende zur Seite, aber die Geschichte lässt einen noch eine ganze Weile nicht los.
- Herausgeber : Polar Verlag
- Erscheinungstermin : 16. Februar 2026
- Auflage : Erstausgabe
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 256 Seiten
- ISBN-10 : 3910918425
- ISBN-13 : 978-3910918429
- Originaltitel : Siete maneras de matar un gato
- Abmessungen : 13.3 x 2.4 x 19.3 cm
