/ November 7, 2026/ Buch

Was bedeutet Fürsorge eigentlich und warum wird sie gesellschaftlich so häufig als etwas Selbstverständliches betrachtet, obwohl sie unser tägliches Zusammenleben überhaupt erst möglich macht? Mit „Mothering: Subversive Fürsorge als radikale Praxis“ präsentieren Purnima Vater und Carolina Tamayo Rojas einen außergewöhnlichen Sammelband, der dazu einlädt, einen vertrauten Begriff einmal völlig neu zu betrachten. Dabei geht es keineswegs ausschließlich um Mutterschaft oder klassische Elternrollen, sondern um etwas viel Grundlegenderes: das Sich-Kümmern, das Teilen, das Begleiten und die Verantwortung füreinander. Ein Thema, das uns alle betrifft und trotzdem viel zu oft im Hintergrund bleibt.

Besonders spannend finde ich bereits den Ansatz, Mothering bewusst von den Begriffen Mutterschaft und Elternschaft abzugrenzen. Während diese häufig eine bestimmte familiäre Rolle oder Lebenssituation beschreiben, versteht das Buch Mothering als aktive Praxis. Fürsorge kann demnach von ganz unterschiedlichen Menschen ausgehen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder familiärer Konstellation. Es geht um Beziehungen, um Aufmerksamkeit und um die Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen. Damit öffnet sich ein deutlich weiterer Blick auf das, was Fürsorge in unserer Gesellschaft eigentlich bedeutet.

Der Sammelband nähert sich diesem Thema aus verschiedenen Richtungen. Gedichte, theoretische Überlegungen, Gespräche und Bilder verbinden unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen miteinander. Dabei geht es sowohl um gelebte Fürsorge als auch um Nicht-Mothering, um Verantwortung, Care-Arbeit und Widerstand. Gerade diese Vielstimmigkeit macht das Konzept interessant, denn Fürsorge lässt sich nicht auf eine einzige Definition oder eine bestimmte Lebensform reduzieren. Sie zeigt sich häufig in kleinen Gesten, alltäglichen Routinen, gemeinsamen Erfahrungen und dem Wissen, das Menschen untereinander weitergeben.

Aus psychologischer Perspektive berührt das Buch einen ganz wesentlichen Punkt menschlichen Zusammenlebens. Menschen brauchen Beziehungen, Sicherheit, Zugehörigkeit und das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden. Fürsorge bedeutet deshalb weit mehr als praktische Unterstützung. Sie schafft Vertrauen, stärkt soziale Bindungen und kann gerade in schwierigen Lebenssituationen einen wichtigen Halt geben. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie verletzlich wir als Menschen sind und wie sehr unser Wohlbefinden davon abhängt, dass wir füreinander Verantwortung übernehmen.

Besonders nachdenklich stimmt dabei die gesellschaftliche Bewertung von Care-Arbeit. Kümmern, begleiten, unterstützen und emotionale Verantwortung übernehmen sind Tätigkeiten, die häufig als selbstverständlich angesehen werden. Vieles davon findet im Verborgenen statt und wird weder ausreichend anerkannt noch entsprechend wertgeschätzt. Der Band hinterfragt genau diese Strukturen und beschäftigt sich damit, wie Fürsorge jenseits traditioneller, geschlechtlich geprägter und kolonial beeinflusster Vorstellungen gedacht werden kann. Mothering erscheint dabei sogar als widerständige Praxis, die bestehende gesellschaftliche Normen infrage stellt und andere Formen des Miteinanders ermöglicht.

Was mir an diesem Ansatz besonders gefällt, ist die Erweiterung des Blickwinkels. Fürsorge wird nicht als private Angelegenheit einzelner Familien verstanden, sondern als etwas zutiefst Politisches und Gesellschaftliches. Denn wie wir miteinander umgehen, wem wir Aufmerksamkeit schenken und wessen Bedürfnisse berücksichtigt werden, sagt viel über unsere gesellschaftlichen Werte aus. Der Gedanke, dass Wissen und Erfahrungen auch durch Beziehungen, Geschichten und alltägliche Handlungen weitergegeben werden, verleiht dem Thema eine zusätzliche Tiefe.

„Mothering: Subversive Fürsorge als radikale Praxis“ ist ein anspruchsvoller, vielseitiger und zum Nachdenken anregender Sammelband, der ein wichtiges Thema aus ungewohnten Perspektiven beleuchtet. Die unterschiedlichen Text- und Bildformen versprechen eine abwechslungsreiche Auseinandersetzung mit Fürsorge, Verantwortung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Eine interessante Lektüre für alle, die sich mit feministischen Perspektiven, sozialen Beziehungen, Care-Arbeit und neuen Formen des Zusammenlebens beschäftigen möchten. Denn letztlich ist Fürsorge keine Nebensache, sondern eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft menschlich bleiben kann.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Unrast Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 12. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 132 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3897713640
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3897713642
  • Abmessungen ‏ : ‎ 10.3 x 1.7 x 14.3 cm

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