
Ich habe dieses Buch mit einem ganz anderen Blick auf mein eigenes Auto und die Straßen um mich herum beendet. Was im Alltag so selbstverständlich wirkt – der Verbrennungsmotor, der vertraute Diesel, der klassische Golf und die große deutsche Autowelt – erscheint nach der Lektüre von „Der Abschied von Golf und Diesel: Teslas Rolle beim Niedergang der deutschen Autoindustrie“ von Timo Daum plötzlich längst nicht mehr so selbstverständlich.
Timo Daum beschäftigt sich mit einer Entwicklung, die uns alle betrifft: der tiefgreifenden Veränderung der Automobilindustrie. Dabei geht es nicht einfach nur um die Frage, ob künftig mehr Elektroautos auf unseren Straßen unterwegs sein werden. Viel grundsätzlicher geht es um die Frage, warum ausgerechnet die deutsche Autoindustrie bei einer technologischen Entwicklung, die sie eigentlich selbst hätte anführen können, ins Hintertreffen geraten ist.
Genau diese Frage fand ich beim Lesen besonders spannend.
Deutschland ist über Jahrzehnte mit seinen Automarken weltweit bekannt geworden. Begriffe wie Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz oder Audi stehen für Ingenieurskunst, Qualität und technische Kompetenz. Das Auto war nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern beinahe ein Teil der deutschen Identität. Umso erstaunlicher ist es, wie schwierig sich die Branche offenbar damit getan hat, ihren gewohnten Kurs wirklich zu verlassen.
Daum richtet seinen Blick dabei besonders auf Tesla und dessen Rolle bei der Veränderung des Automobilmarktes. Das Unternehmen hat gezeigt, dass Elektromobilität nicht lediglich eine alternative Antriebstechnik sein muss, sondern mit einer völlig anderen Vorstellung vom Auto verbunden werden kann.
Beim Lesen wurde mir besonders deutlich, dass der Wandel vom Verbrenner zum Elektroauto eben nicht nur bedeutet, einen Motor gegen einen anderen auszutauschen. Dahinter stehen neue Technologien, neue Produktionsprozesse, Software, Batterien, digitale Geschäftsmodelle und letztlich eine vollkommen andere Sicht auf das Fahrzeug.
Genau hier setzt die Kritik des Autors an.
Die deutsche Autoindustrie hatte eigentlich hervorragende Voraussetzungen. Technisches Know-how, gut ausgebildete Fachkräfte, leistungsfähige Zulieferer und jahrzehntelange Erfahrung im Fahrzeugbau. Trotzdem wurde die Elektrifizierung des Verkehrs lange eher zögerlich verfolgt.
Ich fand diesen Gedanken beim Lesen durchaus ernüchternd. Denn natürlich ist es verständlich, dass Unternehmen zunächst an erfolgreichen Geschäftsmodellen festhalten. Wenn Diesel und Benziner jahrzehntelang zuverlässig Gewinne bringen, entsteht wenig Begeisterung dafür, das eigene Geschäftsmodell grundlegend infrage zu stellen.
Doch genau darin sieht Timo Daum ein wesentliches Problem: Wer zu lange am Bewährten festhält, kann den Zeitpunkt verpassen, an dem aus einer neuen Technologie ein neuer Markt wird.
Besonders interessant ist dabei der Blick auf Tesla. Das Unternehmen wird in diesem Buch nicht einfach nur als erfolgreicher Elektroautohersteller betrachtet. Tesla steht vielmehr für eine neue Dynamik in der Automobilindustrie. Innovation, Software, Batterietechnik, Digitalisierung und ein anderes Verhältnis zwischen Auto und Technologie haben die etablierten Hersteller unter Druck gesetzt.
Während ich gelesen habe, musste ich immer wieder darüber nachdenken, wie schnell sich unser Alltag durch technische Entwicklungen verändert. Smartphones sind dafür ein gutes Beispiel. Technologien, die zunächst belächelt oder als Spielerei betrachtet werden, können innerhalb weniger Jahre ganze Märkte verändern.
Ähnliches scheint nun beim Auto zu passieren.
Und genau deshalb empfinde ich den Titel „Der Abschied von Golf und Diesel“ als so treffend. Er steht für mich nicht nur für zwei konkrete Symbole der deutschen Autokultur. Der Golf und der Diesel verkörpern vielmehr ein ganzes Zeitalter: das klassische deutsche Erfolgsmodell rund um Verbrennungsmotor, Massenproduktion und automobile Ingenieurskunst.
Die Frage ist, was danach kommt.
Besonders spannend fand ich auch die Perspektive auf chinesische Automobilhersteller. Wenn Deutschland nicht nur bei der Entwicklung neuer Technologien, sondern langfristig auch bei der Produktion von Elektrofahrzeugen für den Massenmarkt an Bedeutung verliert, hat das Konsequenzen, die weit über die Autoindustrie hinausgehen.
Schließlich hängen an der Automobilbranche unzählige Arbeitsplätze, Zulieferbetriebe und ganze Regionen.
Damit wird das Buch auch zu einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Analyse. Es geht um Dekarbonisierung, Elektromobilität, technologische Innovation, Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit und die Zukunft des Industriestandorts Deutschland.
Was mir an Daums Buch besonders gefällt, ist, dass er nicht einfach die bekannte Geschichte „Tesla gut, deutsche Autoindustrie schlecht“ erzählt. Vielmehr versucht er zu erklären, welche Strukturen dazu geführt haben, dass ein etablierter Industriezweig Schwierigkeiten damit bekommt, einen grundlegenden technologischen Wandel anzunehmen.
Beim Lesen empfand ich manche Passagen deshalb durchaus als unbequem. Aber gerade diese unbequemen Fragen halte ich für wichtig.
Warum verändern Unternehmen ihre Strategien oft erst dann, wenn der Druck von außen bereits enorm geworden ist? Warum wird eine neue Technologie unterschätzt, obwohl ihre Entwicklung längst sichtbar ist? Und wie viel Zeit kann sich eine Branche leisten, wenn sich Märkte und technische Voraussetzungen so schnell verändern?
Diese Fragen sind meiner Meinung nach weit über die Automobilindustrie hinaus relevant.
„Der Abschied von Golf und Diesel“ hat mich deshalb vor allem zum Nachdenken über Veränderung gebracht. Nicht nur über Elektroautos, sondern über die Schwierigkeit, liebgewonnene und erfolgreiche Strukturen rechtzeitig loszulassen.
Denn Wandel bedeutet eben auch Abschied.
Abschied von Technologien, Arbeitsweisen und Gewissheiten, die lange funktioniert haben. Gleichzeitig eröffnet jeder Wandel neue Möglichkeiten. Genau dieses Spannungsfeld macht die Lektüre für mich so interessant.
Timo Daum schreibt über ein Thema, das wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich ausgesprochen aktuell ist. Besonders für Leserinnen und Leser, die sich für Tesla, deutsche Autoindustrie, Elektromobilität, Digitalisierung, Klimaschutz und die Zukunft des Automobilstandorts Deutschland interessieren, bietet das Buch zahlreiche Denkanstöße.
Ich habe es jedenfalls nicht mit dem Gefühl beendet, nun eine einfache Antwort auf die Frage nach Gewinnern und Verlierern zu haben. Vielmehr bleibt die Erkenntnis, dass sich die Automobilwelt gerade grundlegend verändert – und dass Deutschland sehr genau überlegen muss, welche Rolle es in dieser neuen Welt spielen möchte.
Mein Fazit: 5 von 5 Sternen.
Ein spannendes, kritisches und ausgesprochen aktuelles Buch über den Wandel einer Schlüsselindustrie. Timo Daum zeigt nachvollziehbar, warum der Abschied vom Verbrennungsmotor für Deutschland nicht nur eine technische Herausforderung ist, sondern eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Zeitenwende.
Für mich eine sehr lesenswerte Analyse über Tesla, Elektromobilität und die Frage, ob die deutsche Autoindustrie den Mut zur Veränderung rechtzeitig gefunden hat.
- Herausgeber : transcript
- Erscheinungstermin : 10. März 2026
- Auflage : Auflage – Neueauflage
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 268 Seiten
- ISBN-10 : 3837679217
- ISBN-13 : 978-3837679212
- Abmessungen : 22.5 x 14.8 x 2 cm
