
Schon der Titel „… und dazwischen Coco“ passt wunderbar zu dieser Geschichte, denn Coco steckt selbst mittendrin: zwischen Kindheit und Jugend, zwischen Freiheitsdrang und familiärer Geborgenheit, zwischen Verständnis und Unverständnis. Armin Kaster erzählt eine Geschichte für Kinder ab 9 Jahren, die sich mit Freundschaft, Familie, Trennung, Patchwork und den großen und kleinen Gefühlen beschäftigt, die gerade in diesem Alter manchmal ziemlich schwer zu sortieren sind.
Coco freut sich eigentlich auf einen langen Sommer. Gemeinsam mit ihrer fröhlichen Patchwork-Familie lebt sie im neuen Haus und könnte die Ferien genießen. Doch dann gibt es da noch Maik, das jüngere Nachbarskind, mit dem die ersten Begegnungen alles andere als harmonisch verlaufen. Er ist anders als Coco, verhält sich manchmal schwierig und seine Stimmung kann innerhalb kürzester Zeit umschlagen. Besonders seine Wutausbrüche bringen Coco an ihre Grenzen.
Was zunächst wie eine typische Geschichte über ein Mädchen und einen nervigen Nachbarsjungen beginnt, entwickelt sich schnell zu einer wesentlich tieferen Begegnung. Denn Coco merkt, dass hinter Maiks Verhalten mehr steckt. Während sie selbst in einer Familie aufwächst, die ihr Halt und Sicherheit gibt, erlebt Maik seine familiäre Situation ganz anders. Seine Eltern leben getrennt und können ihm offenbar nicht die Unterstützung geben, die er eigentlich bräuchte. Sein Aquarium wird für ihn zu einer Art Anker – ein ruhiger Gegenpol zu seinem inneren Gefühlschaos.
Gerade diesen Unterschied fand ich beim Lesen interessant. Das Buch zeigt sehr anschaulich, dass Kinder nicht immer dieselben Voraussetzungen mitbringen und dass Verhalten nicht automatisch die ganze Geschichte erzählt. Ein Kind, das wütend, schwierig oder unberechenbar wirkt, trägt möglicherweise Gefühle mit sich herum, die von außen gar nicht sofort sichtbar sind. Coco muss das selbst erst lernen. Und genau dadurch macht auch sie eine Entwicklung durch.
Die Geschichte beschäftigt sich dabei ganz selbstverständlich mit unterschiedlichen Familienmodellen. Patchwork, getrennt lebende Eltern und das Zusammenleben in einer neuen Familienkonstellation werden nicht künstlich in den Mittelpunkt gestellt, sondern gehören ganz selbstverständlich zu Cocos Alltag. Das gefällt mir besonders, weil Kindern dadurch vermittelt wird, dass Familie ganz unterschiedlich aussehen kann.
Gleichzeitig geht es um Freundschaft – allerdings nicht um die einfache Variante, bei der sich zwei Kinder kennenlernen und sofort bestens verstehen. Coco und Maik müssen sich erst einmal miteinander auseinandersetzen. Es gibt Missverständnisse, Ärger, Ablehnung und Momente, in denen Coco wahrscheinlich am liebsten ihre Ruhe hätte. Doch mit der Zeit verändert sich ihr Blick auf Maik. Aus dem nervigen Nachbarskind wird ein Mensch, dessen Gefühle sie zunehmend besser verstehen kann.
Besonders gelungen finde ich die emotionalen Zwischentöne. Coco befindet sich selbst in einer spannenden Lebensphase. Sie ist kein kleines Kind mehr, aber eben auch noch keine Jugendliche, die alle Situationen souverän einschätzen kann. Genau dieses Dazwischen wird glaubwürdig aufgegriffen. Erste Vorstellungen von Freiheit, Loyalität, Freundschaft und Eigenständigkeit treffen auf Gefühle, die manchmal größer sind, als man selbst erklären kann.
Dabei wird auch deutlich, wie wichtig es ist, Gefühle überhaupt wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Wut, Unsicherheit, Eifersucht, Freude, Mitgefühl und Überforderung gehören ebenso dazu wie die Frage, wo die eigenen Grenzen liegen. Coco muss ihren eigenen Weg finden, ohne dabei ihre Familie, ihre Freundschaften oder ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren.
Die Illustrationen von Felicitas Horstschäfer ergänzen die Geschichte und machen das Buch auch optisch zu einer schönen Lektüre für die Altersgruppe. Die Kombination aus erzählter Geschichte und bildlicher Gestaltung dürfte besonders Kindern entgegenkommen, die gerne eine abwechslungsreiche und zugängliche Lektüre in den Händen halten.
„… und dazwischen Coco“ ist für mich vor allem ein Buch über das Verstehen. Über den Versuch, hinter das Verhalten eines anderen Menschen zu schauen, ohne dabei die eigenen Gefühle zu vergessen. Es erzählt von Familien, die nicht immer perfekt funktionieren, von Kindern, die mit Veränderungen umgehen müssen, und von einer Freundschaft, die sich erst entwickeln darf.
Dabei wird Vielfalt nicht belehrend vermittelt, sondern steckt mitten in der Geschichte. Gerade das macht das Buch für Kinder interessant: Sie bekommen keine trockene Erklärung darüber, wie unterschiedlich Menschen und Familien sein können, sondern erleben diese Unterschiede gemeinsam mit Coco.
Eine warmherzige und zugleich realistische Geschichte über Freundschaft, Familie und die turbulente Gefühlswelt zwischen Kindheit und Jugend. Ein Kinderbuch, das zeigt, dass man Menschen manchmal erst wirklich verstehen kann, wenn man genauer hinschaut – und dass aus einem schwierigen ersten Eindruck durchaus etwas Wertvolles entstehen kann.
- Herausgeber : Jungbrunnen
- Erscheinungstermin : 4. Februar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 120 Seiten
- ISBN-10 : 3702660291
- ISBN-13 : 978-3702660291
- Lesealter : Ab 9 Jahren
- Abmessungen : 14.3 x 1.5 x 21.4 cm
