/ Oktober 8, 2026/ Buch

Manchmal gibt es Kinderbücher, die liest man und denkt sich sofort: Dieses Buch hätte ich mir früher gewünscht. „Wilmo“ ist für mich genau so ein Buch. Denn Depression ist ein Thema, das auch Kinder betrifft, selbst wenn Erwachsene vielleicht glauben, sie müssten ihnen die Krankheit gar nicht genauer erklären. Kinder merken nämlich sehr genau, wenn Mama oder Papa plötzlich anders ist. Wenn vorgelesen wird, obwohl es sonst jeden Abend dazugehört. Wenn aus einem fröhlichen Nachmittag plötzlich Tränen werden. Wenn ein Elternteil ständig gereizt ist oder scheinbar grundlos schimpft. Und vor allem, wenn niemand so richtig erklären kann, warum das alles passiert.

Genau hier setzt Francis Kaiser mit „Wilmo“ an.

Im Mittelpunkt steht Pia. Sie macht sich Sorgen um ihre Mama, weil diese sich verändert hat. Mama möchte nicht mehr vorlesen, weint oder schimpft häufig und liegt manchmal sogar den ganzen Tag im Bett. Für ein kleines Kind ist so etwas natürlich schwer zu verstehen. Und wie Kinder nun einmal denken, kommt irgendwann die vielleicht schlimmste Frage: Bin ich vielleicht schuld daran?

Diese Frage hat mich beim Lesen besonders berührt. Denn Kinder beziehen vieles zunächst auf sich selbst. Wenn Mama traurig ist, habe ich vielleicht etwas falsch gemacht. Wenn Papa wütend ist, war ich vielleicht nicht lieb genug. Wenn sich ein Elternteil zurückzieht, kann ein Kind schnell das Gefühl bekommen, etwas tun zu müssen, damit es wieder besser wird.

„Wilmo“ nimmt genau diese Gedanken ernst und macht gleichzeitig sehr deutlich: Das Kind ist nicht schuld.

Die Depression wird im Buch als kleines Wesen dargestellt, das auf Mamas Schulter sitzt und sie ärgert. Mama nennt dieses Wesen Wilmo. Diese bildliche Darstellung finde ich für ein Bilderbuch besonders gelungen. Depression ist für Kinder ein abstrakter Begriff. Ein „kleines Wesen“, das Mama belastet und ihr Dinge schwer macht, können sie sich dagegen viel leichter vorstellen.

Dabei wird die Krankheit nicht verharmlost. Mama ist nicht einfach schlecht gelaunt und sie könnte ihre Gefühle auch nicht einfach auf Knopfdruck abschalten. Wilmo steht vielmehr für etwas, das Mama belastet und ihr Verhalten beeinflusst. So bekommen Kinder eine Erklärung für etwas, das sie zwar spüren, aber kaum verstehen können.

Besonders wichtig finde ich die Rolle des Vaters. Er hilft Pia und ihren Schwestern dabei, die Situation einzuordnen und beruhigt sie. Damit vermittelt das Buch eine wichtige Botschaft: Kinder müssen die Verantwortung für die Gefühle eines erkrankten Elternteils nicht übernehmen.

Das klingt für Erwachsene selbstverständlich. Für ein Kind ist es das aber ganz und gar nicht.

Gerade deshalb empfinde ich „Wilmo“ als ausgesprochen wertvoll. Das Buch spricht nicht nur über Depression, sondern vor allem darüber, was Depression innerhalb einer Familie auslösen kann. Der Alltag verändert sich. Gewohnheiten funktionieren plötzlich nicht mehr. Ein Elternteil ist vielleicht weniger belastbar, weniger ansprechbar oder emotional kaum erreichbar. Für Kinder kann das verunsichernd und manchmal sogar beängstigend sein.

Pia darf all diese Gefühle haben. Sie darf traurig, ratlos und besorgt sein. Und sie darf gleichzeitig Kind bleiben.

Das ist für mich eine der schönsten Botschaften des Buches.

Denn Kinder von psychisch erkrankten Eltern geraten leicht in eine Rolle, in der sie besonders verständnisvoll sein wollen oder versuchen, Mama oder Papa zu helfen. „Wilmo“ zeigt auf kindgerechte Weise, dass diese Verantwortung nicht bei ihnen liegt. Erwachsene müssen dafür sorgen, dass Kinder Unterstützung, Sicherheit und verlässliche Bezugspersonen haben.

Auch die Hoffnung kommt nicht zu kurz. Das finde ich bei einem solchen Thema besonders wichtig. Depression kann für eine Familie sehr belastend sein, aber sie muss nicht bedeuten, dass alles für immer so bleibt. Die Geschichte macht Mut, ohne falsche Versprechungen zu machen. Wilmo ist da – aber Wilmo muss nicht für immer bleiben.

Die Illustrationen und die einfache, kindgerechte Erzählweise unterstützen dabei die emotionale Wirkung der Geschichte. Das Thema wird nicht mit komplizierten medizinischen Begriffen erklärt, sondern über eine konkrete Familiengeschichte erfahrbar gemacht. Dadurch können sich Kinder leichter in Pia hineinversetzen und ihre eigenen Fragen wiederfinden.

„Wilmo“ richtet sich an Kinder von etwa vier bis zehn Jahren und eignet sich deshalb besonders für das gemeinsame Lesen. Gerade bei einem Thema wie Depression würde ich das Buch nicht einfach nur ins Kinderzimmer legen. Viel wertvoller kann es sein, anschließend gemeinsam darüber zu sprechen: Was fühlt Pia? Warum verhält sich Mama so? Was könnte Pia helfen? Und vor allem: Wer ist verantwortlich für Mamas Krankheit?

Die Antwort sollte dabei immer wieder klar sein: nicht das Kind.

Hilfreich ist außerdem das umfangreiche Online-Material für Eltern, Angehörige und Fachkräfte. Dadurch bleibt das Bilderbuch nicht bei der Geschichte stehen, sondern kann auch als Gesprächsgrundlage genutzt werden.

Für mich ist „Wilmo“ ein besonders einfühlsames Bilderbuch, weil es eine psychische Erkrankung nicht versteckt, aber auch keine Angst davor macht. Es zeigt Depression aus der Perspektive eines Kindes – mit all der Unsicherheit, den Sorgen und den Fragen, die damit verbunden sein können.

Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Buches: Es sagt Kindern nicht nur, was Depression ist, sondern vermittelt ihnen etwas viel Wichtigeres: Du bist nicht schuld. Du musst Mama oder Papa nicht gesund machen. Du darfst traurig sein. Du darfst Fragen stellen. Und du darfst trotzdem lachen und dein eigenes Leben leben.

„Wilmo“ ist ein berührendes, wichtiges und hoffnungsvolles Bilderbuch über Depression in der Familie – ein Buch, das Kindern Worte für etwas gibt, das sie oft schon lange spüren, aber selbst nicht benennen können.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Ernst Reinhardt Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. September 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 38 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3497033154
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3497033157
  • Lesealter ‏ : ‎ 4–10 Jahre
  • Abmessungen ‏ : ‎ 22.5 x 0.9 x 30.4 cm

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