/ August 10, 2026/ Buch

Schon während der ersten Seiten von „Tangerinn“ von Emanuela Anechoum hatte ich das Gefühl, dass hier nicht einfach nur eine Geschichte erzählt wird. Vielmehr öffnet sich langsam ein Raum voller Erinnerungen, Sehnsüchte und unausgesprochener Fragen. Ich habe Mina beim Lesen nicht nur als Romanfigur wahrgenommen, sondern konnte ihre innere Unruhe und dieses schwer greifbare Gefühl, irgendwo dazugehören zu wollen und trotzdem nicht vollständig anzukommen, sehr gut nachvollziehen.

Mina ist dreißig Jahre alt und lebt in London. Ihr Leben wirkt auf den ersten Blick geordnet und sicher. Sie hat sich Routinen geschaffen und versucht, ihren Platz in dieser Stadt und in ihrem eigenen Leben zu finden. Doch hinter dieser scheinbaren Stabilität verbirgt sich eine gewisse Leere. Mina möchte dazugehören und hat dabei vielleicht längst vergessen, was sie selbst eigentlich sucht.

Dann verändert ein Anruf ihrer Mutter alles: Ihr Vater ist plötzlich gestorben.

Für Mina bedeutet diese Nachricht nicht nur Abschied und Trauer. Sie führt sie zurück in ihr Heimatdorf in Kalabrien – an einen Ort, den sie eigentlich hinter sich gelassen hat. Ursprünglich möchte sie nur für die Beerdigung bleiben. Doch schließlich wird aus dem kurzen Aufenthalt eine längere Rückkehr in eine Vergangenheit, mit der sie sich bisher nur unvollständig auseinandergesetzt hat.

Genau diese Rückkehr hat mich emotional besonders angesprochen. Denn manchmal glaubt man, einen Ort oder einen Menschen längst hinter sich gelassen zu haben, bis eine einzige Nachricht genügt, um plötzlich alles wieder lebendig werden zu lassen.

In Kalabrien begegnet Mina nicht nur ihrer Familie und ihrer eigenen Vergangenheit, sondern auch den Erinnerungen an ihren Vater. Er hatte dort eine kleine Bar am Meer, die vor allem von Migranten besucht wurde. Menschen kamen, blieben eine Weile und verschwanden wieder. Für mich wurde diese Bar im Laufe der Geschichte zu einem ganz besonderen Ort – fast wie ein Treffpunkt für Menschen, die selbst zwischen verschiedenen Welten stehen.

Auch Minas Vater bleibt dabei eine faszinierende und geheimnisvolle Figur. Sie weiß nicht alles über ihn. Besonders seine Verbindung zu Marokko beschäftigt sie. Das Marokko, das sie aus seinen Erzählungen kennt, ist dabei zugleich real und imaginiert. Es ist ein Ort, der durch Erinnerungen und Erzählungen geprägt wurde und dadurch beinahe zu einem Teil ihrer eigenen Identität geworden ist.

Und genau hier liegt für mich die eigentliche Stärke dieses Romans: „Tangerinn“ beschäftigt sich auf sehr feine Weise mit der Frage, was Heimat eigentlich bedeutet.

Ist Heimat der Ort, an dem man geboren wurde? Der Ort, an dem man lebt? Sind es bestimmte Menschen? Erinnerungen? Gerüche und Geschmäcker? Oder ist Heimat vielleicht etwas, das sich im Laufe eines Lebens immer wieder verändert?

Beim Lesen musste ich selbst über diese Fragen nachdenken. Besonders interessant fand ich, dass Mina nicht einfach zwischen London und Kalabrien hin- und hergerissen ist. Sie bewegt sich vielmehr zwischen unterschiedlichen Vorstellungen davon, wer sie eigentlich ist. London steht für ihr heutiges Leben, Kalabrien für ihre Herkunft und ihr Vater wiederum verbindet sie mit einer Welt, die sie selbst nur aus Erzählungen kennt.

Dadurch entsteht ein Roman, der für mich viel größer ist als eine klassische Familiengeschichte.

Die Sprache empfand ich als ruhig und atmosphärisch. Die Geschichte nimmt sich Zeit, Gefühle und Erinnerungen entstehen zu lassen. Gerade diese Langsamkeit hat mir gefallen. Es wird nicht alles erklärt und nicht jede Frage sofort beantwortet. Stattdessen darf man als Leserin selbst beobachten, nachfühlen und sich seine eigenen Gedanken machen.

Besonders schön fand ich die Verbindung von Meer, südlicher Landschaft, Bar, Migration und familiären Erinnerungen. Die Atmosphäre von Kalabrien wird dabei nicht einfach nur als schöne Urlaubskulisse beschrieben. Sie bekommt eine tiefere Bedeutung. Das Dorf, das Meer und die Bar werden zu Orten, an denen Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen.

Mina beginnt während ihres Aufenthalts immer stärker zu verstehen, dass die Geschichte ihres Vaters auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte ist. Und vielleicht muss man manchmal erst zurückkehren, um wirklich zu verstehen, warum man überhaupt gegangen ist.

Was mich an „Tangerinn“ besonders berührt hat, ist diese Mischung aus Trauer und Hoffnung. Der Tod des Vaters ist der Ausgangspunkt der Geschichte, doch der Roman bleibt nicht bei der Trauer stehen. Mina bekommt durch ihre Rückkehr die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Erinnerungen neu zu betrachten und sich selbst ein Stück näherzukommen.

Dabei erzählt Emanuela Anechoum nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Sie lässt ihre Figuren ihre Widersprüche behalten. Niemand ist einfach nur gut oder schlecht, richtig oder falsch. Gerade dadurch wirken die Charaktere glaubwürdig und menschlich.

„Tangerinn“ ist für mich ein stiller, emotionaler und sehr atmosphärischer Roman über Heimat, Familie, Migration, Verlust und Identität. Ein Buch, das nicht mit großen Effekten arbeitet, sondern seine Wirkung langsam entfaltet.

Ich habe Mina gerne auf ihrer Reise begleitet. Nicht, weil sie auf jede Frage eine Antwort findet, sondern weil sie lernt, ihre Fragen überhaupt anzunehmen.

Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Romans: Manchmal findet man seine Heimat nicht an einem bestimmten Ort. Man findet sie dort, wo man beginnt, die eigene Geschichte anzunehmen.

Mein Fazit: 5 von 5 Sternen.

Eine berührende und feinfühlige Lektüre für alle, die literarische Romane über Heimat und Fremde, Familie und Verlust, Migration, Identität und die Suche nach Zugehörigkeit lieben. Ein Buch, das leise erzählt, aber emotional noch lange nachwirkt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ nonsolo Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 27. Februar 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3947767331
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3947767335
  • Originaltitel ‏ : ‎ Tangerinn
  • Abmessungen ‏ : ‎ 20.8 x 2.6 x 13.4 cm

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