/ August 31, 2026/ Buch

Manche Kinder spüren sehr früh, dass mit einem Menschen, der ihnen eigentlich Sicherheit und Geborgenheit geben sollte, etwas nicht stimmt. Die Stimmung kann plötzlich kippen: Eben war noch alles gut, im nächsten Moment herrschen Kälte, Wut, Rückzug oder völliges Unverständnis. Für Erwachsene ist es manchmal möglich, solche Verhaltensweisen einzuordnen. Für ein Kind ist das ungleich schwieriger. Es fragt sich nicht selten: „Was habe ich falsch gemacht?“

Genau hier setzt das sehr besondere Buch „Was ist los mit Etos Mama?: Ein Buch über Beziehungsstörungen“ von Janka Ulbricht an. Es ist ein Buch, das mich vor allem deshalb beeindruckt hat, weil es ein schwieriges und sensibles Thema nicht mit komplizierten Fachbegriffen erklärt, sondern über eine kindgerechte Geschichte zugänglich macht.

Im Mittelpunkt steht Eto. Durch seine Erlebnisse wird nachvollziehbar, wie verwirrend und belastend es für ein Kind sein kann, wenn eine wichtige Bezugsperson emotional nicht verlässlich reagiert. Mal ist Nähe da, dann wieder Distanz. Mal fühlt sich das Kind angenommen, im nächsten Augenblick vielleicht abgelehnt oder sogar verantwortlich für die schlechte Stimmung des Erwachsenen. Gerade diese Widersprüchlichkeit kann bei Kindern tiefe Unsicherheit hinterlassen.

Was ich an diesem Buch besonders wertvoll finde, ist die Tatsache, dass die Gefühle des Kindes ernst genommen werden. Es geht nicht darum, das Verhalten der Mutter oder einer anderen Bezugsperson zu verurteilen. Vielmehr bekommt das Kind die Möglichkeit, seine eigenen Empfindungen wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen. Das ist ein ganz wichtiger Ansatz, denn Kinder, die wiederholt erleben, dass ihre Wahrnehmung nicht mit dem Verhalten ihrer Bezugsperson übereinstimmt, beginnen häufig irgendwann, an sich selbst zu zweifeln.

Die zentrale Botschaft des Buches ist deshalb gleichzeitig einfach und unglaublich wichtig: Du bist richtig, wie du bist. Deine Gefühle sind erlaubt. Und wenn sich etwas komisch oder falsch anfühlt, darfst du diesem Gefühl vertrauen.

„Was ist los mit Etos Mama?“ richtet sich dabei nicht ausschließlich an Familien, in denen eine konkrete Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde. Gerade das finde ich sinnvoll. Kinder müssen schließlich nicht wissen, welche psychische Belastung hinter dem Verhalten eines Erwachsenen steckt. Für sie zählt zunächst nur, was sie erleben und wie sich dieses Erleben anfühlt. Dadurch lässt sich die Geschichte auch einsetzen, ohne dass im Umfeld des Kindes eine Diagnose benannt werden muss.

Besonders interessant ist das Buch daher für Therapeutinnen und Therapeuten, pädagogische Fachkräfte, Beratungsstellen, Jugendhilfe und andere Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten, deren familiäre Beziehungen von emotionalen Belastungen geprägt sind. Die Geschichte kann einen behutsamen Einstieg ermöglichen, um über Gefühle, Verunsicherung, Grenzen, Selbstwahrnehmung und die eigene Sicht auf Beziehungen zu sprechen.

Sehr hilfreich finde ich auch den ergänzenden Fachteil, der als Online-Zusatzmaterial zur Verfügung steht. Dadurch bekommt das Buch neben seiner kindgerechten Geschichte eine zusätzliche fachliche Ebene und kann gezielt als therapeutisches Arbeitsmittel genutzt werden.

Die Autorin Janka Ulbricht, M. A., bringt dafür viel praktische Erfahrung mit. Sie arbeitet seit vielen Jahren in eigener Praxis mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit traumatherapeutischem Schwerpunkt und ist zudem in Kooperation mit Jugendämtern und Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe tätig. Diese Erfahrung spürt man dem Konzept an: Das Thema wird sensibel, verständlich und ohne unnötige Dramatisierung behandelt.

Für mich ist „Was ist los mit Etos Mama?“ deshalb weit mehr als ein Kinderbuch. Es ist eine behutsame Brücke zwischen kindlichem Erleben und professioneller Begleitung. Ein Buch über Beziehungsstörungen, psychische Belastungen von Bezugspersonen, kindliche Selbstzweifel und emotionale Sicherheit – vor allem aber ein Buch, das Kindern vermittelt, dass ihre Gefühle und ihre Wahrnehmung wertvoll sind.

Ein wichtiges, sensibles und fachlich interessantes Buch für alle, die Kinder in schwierigen familiären Beziehungen begleiten. Und vielleicht ist seine wichtigste Botschaft auch die, die Kinder in solchen Situationen am dringendsten hören müssen:

Du bist nicht schuld. Du darfst fühlen, was du fühlst. Und du bist genau richtig, wie du bist.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Carl-Auer Verlag GmbH
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 16. Juli 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3849706400
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3849706401
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.4 x 0.7 x 20.7 cm

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