
Manche Bücher liest man nicht einfach. Man fühlt sie. Sie schleichen sich ganz leise ins Herz, bleiben dort sitzen und lassen einen noch lange nach der letzten Seite über Liebe, Zeit und das Leben nachdenken. „Pizza Orlando“ von Clara Umbach ist für mich genau so ein Buch. Ein Roman über zwei Frauen, die sich nach vielen Jahren wiederfinden, sich ineinander verlieben und plötzlich vor der wohl schwierigsten Frage überhaupt stehen: Wie liebt man, wenn man weiß, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist?
Clara und Nina kennen sich schon seit ihrer Jugend. Das Leben hat sie auseinandergeführt, doch als sie sich als erwachsene Frauen wieder begegnen, ist da sofort etwas, das sich nicht mehr wegschieben lässt. Nina ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit den ersten Symptomen der unheilbaren Huntington-Krankheit konfrontiert. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – wagen die beiden etwas, das wunderschön und gleichzeitig unglaublich schmerzhaft ist: Sie verlieben sich.
Was dann entsteht, ist keine kitschige Liebesgeschichte, sondern eine intensive, ehrliche und manchmal fast atemlose Beziehung. Eine Liebe, die nach Nähe schreit und gleichzeitig ständig mit der Endlichkeit konfrontiert wird. Zwischen Berlin und Hamburg liegen Kilometer, aber in den Nachrichten zwischen Clara und Nina scheint diese Entfernung plötzlich keine Rolle mehr zu spielen. Ihre Chats werden zum Ort, an dem sie sich alles sagen können: Sehnsucht, Begehren, Ängste, Hoffnungen und die kleinen Dinge des Alltags.
Gerade diese Mischung hat mich sehr berührt. Da stehen alltägliche Gedanken neben existenziellen Fragen, ein kurzer liebevoller Satz neben der Angst vor der Zukunft. Man merkt beim Lesen, wie sehr diese beiden Frauen versuchen, sich gegenseitig festzuhalten, obwohl sie genau wissen, dass ihnen die Zeit nicht unendlich zur Verfügung steht.
Besonders Clara ist eine Figur, die mir sehr nahegegangen ist. Sie ist alleinerziehende Mutter, studiert, arbeitet und versucht gleichzeitig, ihren eigenen Weg zu finden. Sie möchte nicht nur funktionieren, nicht nur Mutter sein, nicht nur diejenige, die alles irgendwie schafft. Sie möchte lieben, selbstbestimmt leben und als Frau gesehen werden. Und genau darin liegt ein großer Teil der emotionalen Kraft dieses Romans.
Nina wiederum kämpft auf ihre ganz eigene Weise. Die Huntington-Krankheit steht wie ein Schatten über ihrem Leben und über der Beziehung zu Clara. Sie möchte eine gemeinsame Zukunft, obwohl sie weiß, dass ihre Krankheit diese Zukunft infrage stellt. Dieser Gegensatz macht die Liebesgeschichte so intensiv: Zwei Menschen wollen gemeinsam nach vorne schauen, während das Leben ihnen gleichzeitig immer wieder zeigt, dass es keine Garantien gibt.
Der Schreibstil von Clara Umbach hat für mich etwas Unmittelbares. Die Geschichte fühlt sich nicht künstlich konstruiert an, sondern erstaunlich nah am echten Leben. Gerade die digitalen Nachrichten geben dem Roman eine moderne, persönliche Note. Man hat manchmal beinahe das Gefühl, man würde einen privaten Dialog mitlesen, bei dem eigentlich gar niemand anderes dabei sein sollte. Dadurch entsteht eine besondere Nähe zu Clara und Nina.
„Pizza Orlando“ ist ein Roman über lesbische Liebe, große Gefühle, Krankheit, Selbstbestimmung und die kostbare Endlichkeit des Lebens. Aber vor allem ist es eine Geschichte darüber, was passiert, wenn zwei Menschen sich wirklich begegnen und nicht mehr so tun können, als wäre ihnen das Gegenüber egal.
Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Buches: Es erzählt nicht davon, dass Liebe alle Probleme löst. Es erzählt davon, dass Liebe manchmal gerade dann besonders wertvoll wird, wenn sie nichts versprechen kann.
Beim Lesen musste ich immer wieder daran denken, wie oft wir unseren Alltag mit dem Gedanken verbringen, dass später noch genug Zeit sein wird. Wir verschieben Gespräche, Gefühle, Wünsche und manchmal sogar die Menschen, die uns wichtig sind. Nina und Clara können sich diese Illusion nicht leisten. Ihre Geschichte macht dadurch etwas sehr deutlich: Zeit ist nicht selbstverständlich. Und Liebe sollte es auch nicht sein.
„Pizza Orlando“ ist deshalb eine gefühlvolle, melancholische und zugleich unglaublich lebensnahe Liebesgeschichte. Ein Buch für alle, die romantische Romane mögen, aber keine oberflächliche Romanze suchen. Für Leserinnen und Leser, die Geschichten über echte Gefühle, queere Liebe, schwierige Lebensentscheidungen und außergewöhnliche Beziehungen schätzen.
Ein Roman, der weh tun kann und trotzdem wunderschön ist. Einer, bei dem man sich verliebt, mitfühlt und vielleicht auch ein kleines bisschen über das eigene Leben nachdenkt.
Mein Fazit: Clara Umbach erzählt in „Pizza Orlando“ eine außergewöhnliche Liebesgeschichte voller Sehnsucht, Nähe und Verletzlichkeit. Ein berührender Roman über zwei Frauen, die trotz Krankheit, Entfernung und begrenzter Zeit versuchen, ihre ganz eigene Version von Glück zu finden. Manchmal ist die schönste Liebe nicht die, die für immer verspricht – sondern die, die jeden gemeinsamen Augenblick wirklich lebt.
- Herausgeber : Ecco Verlag
- Erscheinungstermin : 27. Januar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 176 Seiten
- ISBN-10 : 3753001155
- ISBN-13 : 978-3753001159
- Abmessungen : 12.8 x 2.2 x 20.9 cm
