/ Oktober 22, 2026/ Buch, Ratgeber, Rehabilitation

6

Schon der Titel Ich will wissen, wer ich bin! berührt mich, denn hinter diesen wenigen Worten steckt eine Frage, die für manche Kinder viel größer und schwieriger ist, als Erwachsene vielleicht auf den ersten Blick vermuten. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Warum fühle ich mich manchmal anders als andere? Gerade Pflege- und Adoptivkinder tragen häufig ihre ganz eigene Geschichte mit sich, die von Verlusten, Sehnsucht, Unsicherheiten und dem Wunsch nach Geborgenheit geprägt sein kann. Umso schöner finde ich die Idee, solche wichtigen Themen aufzugreifen und Familien mit liebevollen, alltagsnahen Geschichten zu unterstützen.

Barbara Brand und Jutta Milz widmen sich mit diesem Buch den besonderen Herausforderungen, die im Zusammenleben mit Pflege- und Adoptivkindern entstehen können. Dabei geht es nicht nur um die großen Fragen nach Herkunft, Identität und Zugehörigkeit, sondern auch um ganz alltägliche Situationen, die plötzlich schwierig werden. Ein Kind reagiert wütend, zieht sich zurück, hat Angst oder kann seine Gefühle kaum in Worte fassen. Für Eltern ist es dann nicht immer leicht, das Verhalten richtig einzuordnen. Manchmal steckt hinter einer scheinbar kleinen Reaktion viel mehr, als man zunächst erkennt. Genau hier setzt dieses Buch an und schafft einen Zugang, der Verständnis statt vorschneller Bewertungen in den Mittelpunkt stellt.

Besonders gelungen finde ich den Ansatz, die Geschichten ausgerechnet mit Hunden zu erzählen. Tiere begegnen uns ohne Vorurteile und lösen gerade bei Kindern häufig eine ganz besondere Nähe aus. Sie machen Gefühle sichtbar, ohne dass alles kompliziert erklärt werden muss. So lernen die jungen Leser beispielsweise einen Golden Retriever kennen, der sich zunächst vor den Geräuschen eines Staubsaugers fürchtet und schließlich seine Angst überwinden kann. Eine andere Geschichte handelt von einem cleveren Jack Russell, der sich zwar frech und selbstbewusst gibt, sich aber allein ganz einsam fühlt. Solche Situationen wirken auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär, können für Kinder jedoch einen wertvollen Wiedererkennungseffekt haben.

Ich mag diese Form der Vermittlung, weil Kinder nicht sofort über sich selbst sprechen müssen. Manchmal fällt es viel leichter, zunächst über einen Hund und dessen Erlebnisse nachzudenken, als die eigenen Gefühle direkt anzusprechen. Was macht dem Hund Angst? Warum fühlt er sich allein? Was könnte ihm helfen? Durch solche Fragen können Gespräche entstehen, die sich ganz natürlich entwickeln. Kinder bekommen die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen in den Geschichten wiederzufinden, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen. Gerade bei emotional belastenden Themen ist das ein behutsamer Weg, um Vertrauen aufzubauen und Gefühle besser zu verstehen.

Auch für Pflege- und Adoptiveltern dürfte dieses Buch eine wertvolle Unterstützung sein. Denn Liebe, Geduld und ein sicheres Zuhause sind zwar wichtige Grundlagen, doch sie können nicht automatisch alle schwierigen Erfahrungen aus der Vergangenheit auflösen. Manche Kinder brauchen besonders viel Zeit, um Vertrauen zu entwickeln, Bindungen zuzulassen und sich in ihrer neuen Lebenssituation wirklich sicher zu fühlen. Herausforderndes Verhalten kann dabei Ausdruck von Unsicherheit, Angst oder inneren Konflikten sein. Wenn Erwachsene lernen, genauer hinzusehen und hinter die Reaktion eines Kindes zu schauen, können sie ihm möglicherweise ganz anders begegnen.

Hilfreich ist deshalb, dass jeder Geschichte ein thematischer Text für Erwachsene vorausgeht. Dadurch bleibt das Buch nicht bei den kindgerechten Erzählungen stehen, sondern vermittelt zusätzlich Hintergrundwissen zu den jeweiligen emotionalen Herausforderungen. Pflege- und Adoptiveltern können sich dadurch intensiver mit den Bedürfnissen ihrer Kinder auseinandersetzen und neue Impulse für den Familienalltag erhalten. Auch Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte finden hier Anregungen, um bestimmte Verhaltensweisen besser einzuordnen und sensibler auf die Lebensgeschichten der Kinder einzugehen.

Was mir an diesem Konzept besonders gefällt, ist die Verbindung aus verständlichen Geschichten und fachlicher Einordnung. Die Kinder werden auf einer emotionalen Ebene angesprochen, während die Erwachsenen zusätzliche Orientierung bekommen. So kann das gemeinsame Lesen zu einem kleinen Anker im Alltag werden: zu einer Gelegenheit, innezuhalten, zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei muss nicht jede Frage sofort beantwortet werden. Manchmal ist es bereits ein großer Schritt, wenn ein Kind merkt, dass seine Gefühle ernst genommen werden und es mit seinen Gedanken nicht allein ist.

„Ich will wissen, wer ich bin!“ ist ein einfühlsam angelegtes Buch für Familien, die Pflege- oder Adoptivkinder begleiten, und für alle Menschen, die diese Kinder im Alltag unterstützen. Es greift Themen wie Verlust, Bindung, Einsamkeit, Angst und Zugehörigkeit auf und macht sie mithilfe tierischer Hauptfiguren für Kinder leichter zugänglich. Gleichzeitig hilft es Erwachsenen, den Blick hinter schwierige Verhaltensweisen zu richten und die besonderen Bedürfnisse der Kinder bewusster wahrzunehmen.

Für mich steckt in diesem Buch eine wichtige Botschaft: Jedes Kind hat seine eigene Geschichte und verdient es, mit seinen Gefühlen gesehen und verstanden zu werden. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen, und emotionale Sicherheit wächst oft in kleinen Schritten. Umso wertvoller sind Geschichten, die Kindern zeigen, dass sie mit ihren Ängsten und Fragen nicht allein sind, und Erwachsenen helfen, ihnen geduldig und verständnisvoll zur Seite zu stehen. Ein empfehlenswertes Buch für Pflege- und Adoptivfamilien sowie für pädagogische Fachkräfte, die Kinder nicht nur begleiten, sondern sie wirklich verstehen möchten.

  • Herausgeber ‏ : ‎ modernes lernen
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 19. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 96 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3808009861
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3808009864
  • Abmessungen ‏ : ‎ 15.8 x 1 x 23 cm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*