/ September 30, 2026/ Buch

Schon der Titel „Das Buch der gefallenen Blätter“ hat bei mir eine ganz bestimmte Stimmung ausgelöst. Etwas Düsteres, Vergängliches, aber gleichzeitig auch Geheimnisvolles. Und genau diese Atmosphäre zieht sich durch den Auftakt von „Herbst des Imperiums“. Hier geht es nicht um eine kleine Fantasygeschichte, die man gemütlich nebenbei liest. A. S. Tamaki entwirft eine große, komplexe Welt voller Macht, Rache, Blut, Götter und Dämonen – und mittendrin zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Sen Hoshiakari ist der Sohn eines mächtigen Clans und eigentlich für ein ganz anderes Leben bestimmt. Doch eine gescheiterte Rebellion verändert alles. Seine Familie wird ermordet, sein Clan zerbricht und Sen verliert nicht nur seine Heimat, sondern auch sein Geburtsrecht. Aus dem Prinzen wird ein Verbannter. Was bleibt, ist seine Wut – und der unbedingte Wille, das zurückzuholen, was ihm und seinen Vorfahren genommen wurde.

Ich konnte bei Sen gut nachvollziehen, wie sehr ihn diese Vergangenheit antreibt. Er ist kein strahlender Fantasyheld, der einfach loszieht und nebenbei die Welt rettet. Seine Motivation ist viel persönlicher. Es geht um Familie, Ehre, Verlust und Rache. Und genau das macht seine Figur für mich interessant. Denn irgendwann stellt sich unweigerlich die Frage, wie viel man bereit ist zu opfern, wenn man nur noch ein einziges Ziel vor Augen hat.

An seiner Seite ist Rui. Und sie bringt eine ganz andere Energie in die Geschichte. Sie ist ein Bauernmädchen und hat Sen ausgerechnet in jener Nacht das Leben gerettet, in der seine Familie ausgelöscht wurde. Rui wirkt zunächst wie jemand, der selbst noch gar nicht weiß, welchen Platz sie in dieser Welt eigentlich einnehmen soll. Gleichzeitig steckt in ihr aber viel mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Denn während um sie herum Krieg, Machtkämpfe und Gewalt eskalieren, scheint auch für sie ein größeres Schicksal vorgesehen zu sein.

Genau diese Verbindung zwischen Sen und Rui fand ich besonders spannend. Beide sind auf ihre eigene Weise Getriebene. Beide tragen ihre Vergangenheit mit sich herum. Beide müssen herausfinden, wem sie vertrauen können. Und während Sen für seine Familie und seine verlorene Stellung kämpft, entdeckt Rui zunehmend, dass die Götter offenbar eigene Pläne mit ihr haben.

Und dann wird es richtig düster.

Ein Bürgerkrieg stürzt das Land ins Chaos und gleichzeitig erwachen alte Dämonen. Damit bekommt die Geschichte neben den politischen Machtkämpfen noch eine zweite, übernatürliche Ebene. Clans, Intrigen, persönliche Feindschaften, Götter und Dämonen greifen ineinander. Ich hatte beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass hinter der nächsten Ecke bereits die nächste Gefahr wartet.

Was mir an diesem Fantasyauftakt besonders gefällt, ist das Worldbuilding. Die Geschichte wirkt groß angelegt und gibt sich nicht damit zufrieden, einfach nur eine mittelalterlich anmutende Kulisse für ein Abenteuer zu schaffen. Machtstrukturen, Clans, Traditionen, persönliche Loyalitäten und die übernatürlichen Elemente gehören miteinander zusammen. Dadurch entsteht eine Welt, in der Entscheidungen Konsequenzen haben und niemand einfach mal eben unbeschadet aus einem Konflikt herauskommt.

Natürlich ist das keine leichte Wohlfühlfantasy. Blut, Verlust, Rache und Opferbereitschaft gehören hier ganz selbstverständlich zur Geschichte. Gerade dadurch entwickelt der Roman aber eine intensive Atmosphäre. Man weiß als Leser ziemlich schnell: Hier kann vieles passieren, und sicher ist niemand.

Der Vergleich mit „Shogun“ und „Game of Thrones“ macht deshalb durchaus neugierig. Für mich liegt der Reiz aber weniger darin, die Geschichte unbedingt mit bekannten Werken vergleichen zu müssen, sondern in der eigenen Mischung aus historisch anmutendem Setting, großer Fantasy, politischen Machtspielen und einer düsteren, mystischen Ebene.

Auch sprachlich hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass die Geschichte ihre Größe durchaus ausspielen möchte. Es ist ein Auftakt, der sich Zeit für seine Welt und seine Figuren nimmt und dadurch nicht nur von einem Actionmoment zum nächsten hetzt. Gerade bei einem Fantasy-Epos halte ich das für wichtig, denn wenn man eine neue Welt betritt, möchte man sie schließlich auch kennenlernen.

„Das Buch der gefallenen Blätter“ ist für mich ein atmosphärischer Fantasyauftakt über Verlust, Rache, Macht und Schicksal. Sen und Rui sind zwei Figuren, deren Wege sich unter denkbar schwierigen Umständen kreuzen. Was daraus entsteht, könnte für beide zum größten Abenteuer ihres Lebens werden – und gleichzeitig zum Untergang eines ganzen Imperiums.

Wer Fantasy mit großem Worldbuilding, politischen Intrigen, Clans, Göttern, Dämonen, Krieg und starken persönlichen Schicksalen mag, bekommt hier einen Auftakt, der definitiv Lust auf die Fortsetzung macht. Denn eines ist nach diesem ersten Band klar: Für Sen und Rui ist ihre Geschichte noch lange nicht zu Ende.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Klett-Cotta
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1. Auflage 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 624 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3608967516
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3608967517
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Book of Fallen Leaves
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.9 x 5.3 x 21.8 cm

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