
Es gibt Geschichten, bei denen man beim Zuhören schnell merkt, dass sie nicht einfach nur unterhalten wollen. „Wir waren wie Brüder“ von Daniel Schulz gehört für mich genau in diese Kategorie. Die Geschichte führt zurück in die unmittelbare Nachwendezeit und erzählt aus der Perspektive eines Jungen, der gerade einmal zehn Jahre alt ist, als sich die Welt um ihn herum grundlegend verändert. Was dabei besonders berührt: Der Blick auf diese Zeit ist nicht der eines Erwachsenen, der im Nachhinein alles einordnen kann, sondern der eines Kindes, das viele Entwicklungen zunächst gar nicht verstehen kann und deshalb vor allem eines empfindet – Angst.
Der Junge wächst in der DDR auf und erlebt die Revolution zunächst nicht als großes historisches Ereignis, sondern aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Während Erwachsene von Freiheit und Veränderung sprechen, kennt er vor allem die Warnungen seiner Lehrerinnen vor Imperialisten und Faschisten. Was für andere Hoffnung bedeutet, kann für ein Kind gleichzeitig Unsicherheit und Bedrohung sein. Plötzlich verändert sich die vertraute Welt, und niemand kann genau sagen, was danach kommt.
Gerade diese kindliche Perspektive macht die Geschichte so eindringlich. Der Leser beziehungsweise Zuhörer erlebt, wie Vorstellungen von Gut und Böse, von Sicherheit und Gefahr, von „den anderen“ und der eigenen Gruppe entstehen können. Und genau hier setzt Daniel Schulz ein Thema an, das weit über die Nachwendezeit hinausreicht: Wie entstehen Vorurteile eigentlich? Und wann beginnt aus Angst Ablehnung zu werden?
Einige Jahre später hat sich die Situation für den Protagonisten erneut verändert. Wegen seiner langen Haare wird er von Neonazis verfolgt. Gleichzeitig sucht er ausgerechnet die Nähe zu Rechten, weil er sich dort sicher fühlt. Dieser scheinbare Widerspruch ist einer der spannendsten Aspekte der Geschichte. Denn Schulz zeigt nicht einfach einen Jugendlichen, der sich bewusst für eine politische Ideologie entscheidet. Vielmehr wird deutlich, wie kompliziert die Wege sein können, auf denen junge Menschen in bestimmte Gruppen geraten.
Sicherheit, Zugehörigkeit und Anerkennung können dabei eine enorme Bedeutung bekommen. Gerade wenn jemand selbst Angst erlebt, kann die Gruppe, die Schutz verspricht, plötzlich wichtiger erscheinen als politische Überzeugungen. Das macht „Wir waren wie Brüder“ so interessant und gleichzeitig so beklemmend.
Eine besondere Rolle spielt Mariam, deren Familie aus Georgien kommt. Sie ist mutig, selbstbewusst und scheint vor vielem keine Angst zu haben. Zwischen den beiden entsteht eine Verbindung, die dem Roman eine emotionale Ebene gibt. Freundschaft wird hier nicht einfach als nette Begleiterscheinung erzählt, sondern wird zu einer entscheidenden Erfahrung. Denn irgendwann muss der Junge eine Entscheidung treffen: Auf welcher Seite will er eigentlich stehen?
Genau diese Frage wirkt zunächst vielleicht wie eine einfache Entscheidung zwischen richtig und falsch. Beim Lesen wird jedoch schnell deutlich, dass die Realität wesentlich komplizierter ist. Daniel Schulz zeigt, wie persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Veränderungen, Angst, Gruppendruck und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ineinandergreifen können. Rassismus entsteht dabei nicht plötzlich aus dem Nichts. Er kann sich aus scheinbar alltäglichen Situationen, übernommenen Vorstellungen und der Suche nach einem Schuldigen entwickeln.
Das macht den Roman auch heute noch bemerkenswert aktuell. Obwohl die Handlung in einer bestimmten historischen Phase angesiedelt ist, beschäftigen die darin angesprochenen Themen unsere Gesellschaft weiterhin. Fremdenfeindlichkeit, rechte Gewalt, Ausgrenzung und die Frage, warum sich Menschen radikalisieren, sind keine abgeschlossenen Kapitel der Geschichte.
Besonders gelungen finde ich, dass die Geschichte dabei nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Sie zeigt vielmehr, wie schnell Grenzen verschwimmen können und wie schwer es manchmal ist, die eigenen Überzeugungen von den Erwartungen einer Gruppe zu trennen. Gerade dadurch bekommt die Geschichte eine große psychologische Glaubwürdigkeit.
Als Audible-Hörbuch wird „Wir waren wie Brüder“ von Tom Gerngroß gelesen. Für eine Geschichte, die stark von Erinnerung, Atmosphäre und persönlicher Wahrnehmung lebt, funktioniert das Hörbuchformat ausgesprochen gut. Die Erzählung lässt sich intensiv verfolgen und entwickelt gerade beim Zuhören eine besondere Nähe zur Hauptfigur.
„Wir waren wie Brüder“ ist deshalb weit mehr als eine Geschichte über die Nachwendezeit. Es ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit Freundschaft, Angst, Zugehörigkeit, Rassismus und rechter Gewalt. Gleichzeitig zeigt der Roman, dass politische Entwicklungen immer auch im Kleinen stattfinden – in Schulen, Freundschaften, Familien und im Alltag junger Menschen.
Was mir besonders im Gedächtnis bleibt, ist die Erkenntnis, dass Rassismus nicht immer mit einer fertigen Ideologie beginnt. Manchmal beginnt er viel banaler: mit Angst, Unsicherheit, fehlender Orientierung oder dem Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Genau diese Entwicklung macht die Geschichte so beklemmend und gleichzeitig so wichtig.
„Wir waren wie Brüder“ ist ein intensives, bewegendes und gesellschaftlich relevantes Hörbuch, das zeigt, wie prägend Kindheit und Jugend sein können – und wie wichtig es ist, hinzusehen, wenn aus Unsicherheit Ausgrenzung und aus Gruppenzugehörigkeit Gewalt werden.
- Spieldauer : 7 Stunden und 28 Minuten
- Geschrieben von : Daniel Schulz
- Gesprochen von : Tom Gerngroß
- Erscheinungstermin : 25. April 2022
- Herausgeber : Audiolino OHG
- ASIN : B09YRMP95P
- Version : Ungekürzte Ausgabe
- Format : Hörbuch
