
Manchmal gibt es Bücher, bei denen schon der Titel nachdenklich macht, weil er etwas anspricht, das im Alltag viel zu leicht übersehen wird. Macht, Nähe, Gewalt: Der blinde Fleck im Umgang mit Hunden von Sandra Foltin ist für mich genau so ein Buch. Hunde sind für viele Menschen Familienmitglieder, treue Begleiter und beste Freunde. Sie schenken uns Vertrauen, Zuneigung und bedingungslose Nähe. Doch wie gehen wir eigentlich mit diesem Vertrauen um? Und was passiert, wenn aus Liebe, Erziehung oder vermeintlicher Konsequenz etwas wird, das dem Tier schadet? Genau hier setzt dieses interessante und wichtige Werk an.
Was mir an diesem Thema besonders gefällt, ist der Blick hinter die Kulissen des ganz normalen Zusammenlebens. Denn Gewalt gegen Hunde muss nicht immer laut, brutal oder offensichtlich sein. Manchmal versteckt sie sich in alltäglichen Situationen, in festgefahrenen Erziehungsmethoden oder in Aussagen wie „Das muss der Hund eben lernen“. Dinge, die über Generationen weitergegeben wurden und deshalb für viele Menschen völlig normal erscheinen, werden nur selten hinterfragt. Dabei lohnt es sich gerade hier, genauer hinzuschauen. Denn nicht alles, was früher als selbstverständlich galt, ist deshalb auch richtig.
Sandra Foltin beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen, psychologischen und kulturellen Hintergründen dieses Problems. Dabei geht es nicht einfach nur darum, einzelne Menschen zu verurteilen oder mit erhobenem Zeigefinger auf Fehler hinzuweisen. Vielmehr wird deutlich, wie tief bestimmte Vorstellungen von Macht, Kontrolle und Gehorsam in unserem Denken verankert sein können. Hunde sind von uns abhängig. Sie können nicht selbst entscheiden, in welcher Umgebung sie leben, wie sie erzogen werden oder welche Erwartungen wir an sie stellen. Gerade deshalb tragen wir eine besondere Verantwortung für sie.
Besonders spannend finde ich den Gedanken, dass Hunde manchmal zum Spiegel unserer eigenen Gefühle und Probleme werden. Stress, Unsicherheit, Überforderung oder das Bedürfnis, Kontrolle auszuüben, können sich auch im Umgang mit dem eigenen Tier zeigen. Wenn ein Hund nicht so funktioniert, wie wir es erwarten, liegt das Problem schließlich nicht automatisch beim Hund. Vielleicht versteht er eine Situation nicht. Vielleicht hat er Angst. Vielleicht braucht er mehr Zeit, Ruhe oder eine andere Herangehensweise. Diese Perspektive finde ich unglaublich wichtig, denn sie verändert den Blick auf das Tier und auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund.
Auch Sprache und Medien spielen bei diesem Thema eine Rolle. Wie wir über Hunde sprechen, welche Bilder wir von ihnen haben und welche Erziehungsmethoden gesellschaftlich akzeptiert sind, beeinflusst unseren Umgang mit ihnen. Wenn Härte als Stärke und Gehorsam als einziges Ziel dargestellt werden, geraten Vertrauen, Verständnis und die individuellen Bedürfnisse des Tieres schnell in den Hintergrund. Dabei sollte eine gute Mensch-Hund-Beziehung doch gerade davon leben, dass beide Seiten sich sicher fühlen können.
Natürlich ist das kein ganz leichtes Thema. Ein Buch wie dieses kann durchaus unbequem sein, weil es dazu auffordert, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen. Und genau darin liegt für mich sein besonderer Wert. Es geht nicht darum, sich nach der Lektüre besser zu fühlen als andere Hundehalter, sondern darum, offen zu bleiben und auch das eigene Verhalten ehrlich zu hinterfragen. Wer Hunde liebt, darf schließlich auch bereit sein, dazuzulernen und alte Gewohnheiten zu verändern.
Ich finde es deshalb sehr positiv, dass dieses Werk nicht nur auf ein verdrängtes Problem aufmerksam macht, sondern zugleich einen wichtigen Denkanstoß für die Zukunft gibt. Ein respektvoller Umgang mit Hunden beginnt nicht erst dann, wenn offensichtliche Gewalt im Spiel ist. Er zeigt sich bereits in den kleinen, alltäglichen Situationen: darin, wie wir Grenzen setzen, wie wir auf unerwünschtes Verhalten reagieren und ob wir bereit sind, die Perspektive unseres tierischen Begleiters einzunehmen.
Macht, Nähe, Gewalt ist ein wichtiges Buch für alle, die sich intensiver mit der Beziehung zwischen Mensch und Hund beschäftigen möchten. Es richtet sich an Hundehalter, Menschen aus dem Tierschutz und alle, die sich für Tierethik, Hundeverhalten und einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren tierischen Begleitern interessieren. Wer sich nicht nur mit Erziehungsmethoden beschäftigen, sondern auch die gesellschaftlichen und psychologischen Hintergründe unseres Handelns verstehen möchte, findet hier ein anregendes Thema.
Für mich ist die zentrale Botschaft klar: Liebe allein reicht nicht immer aus. Es braucht auch Wissen, Selbstreflexion und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Hunde verdienen es, ernst genommen und als fühlende Lebewesen respektiert zu werden. Dieses Buch erinnert daran, dass echte Nähe nicht durch Macht entsteht, sondern durch Vertrauen. Und genau deshalb ist es ein wertvoller Denkanstoß für ein Zusammenleben, in dem Verständnis und Empathie wichtiger sind als blinder Gehorsam.
- Herausgeber : Kynos
- Erscheinungstermin : 15. Oktober 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- ISBN-10 : 3954643707
- ISBN-13 : 978-3954643707
