
Manchmal schlägt man ein Buch auf und merkt ziemlich schnell, dass einen die Geschichte nicht einfach nur unterhalten wird. Genau so ging es mir bei „Schwestern. Trotz allem“ von Max Moor. Drei Mädchen, die durch die Umstände des Lebens auseinandergerissen werden, drei völlig unterschiedliche Lebenswege und trotzdem eine Verbindung, die offenbar niemals ganz verschwindet. Mich hat schon die Vorstellung beschäftigt, wie es sein muss, als Kind nicht nur die Eltern, sondern auch die eigenen Schwestern zu verlieren. Menschen, mit denen man eigentlich aufwachsen, lachen, streiten und Erinnerungen sammeln sollte. Stattdessen wird aus einer gemeinsamen Kindheit ein Leben in drei verschiedenen Welten. Das ist schon ein ziemlich bewegender Ausgangspunkt und macht neugierig darauf, was aus diesen Mädchen wird.
Die Geschichte beginnt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Gerti verliert beinahe alles: Der Vater verschwindet, die Mutter stirbt und ihre beiden Schwestern werden ins Heim gegeben. Nur Gerti bleibt bei den Großeltern zurück. Was mich an diesem Schicksal besonders berührt, ist die Vorstellung, wie sich ein Kind an etwas festhalten muss, wenn plötzlich die vertraute Familie nicht mehr existiert. Für Gerti sind es drei kleine Knöpfe, die sie von einer alten Kletterweste abgetrennt hat. Jeder steht für eine der Schwestern und wird zu einem ganz persönlichen Glücksbringer. Eigentlich eine unscheinbare Kleinigkeit, aber gerade solche Details erzählen oft mehr über Gefühle als große Worte. Für mich steckt darin unglaublich viel Sehnsucht, Liebe und die Hoffnung, dass die drei irgendwann wieder zueinanderfinden.
Über vier Jahrzehnte hinweg begleitet man Gerti, Rudi und Hansi und erlebt, wie unterschiedlich sie versuchen, ihr Leben zu meistern. Dabei wird schnell deutlich, dass eine schwierige Kindheit nicht einfach irgendwann vorbei ist, nur weil man erwachsen wird. Manche Erfahrungen bleiben, prägen Entscheidungen und beeinflussen Beziehungen, manchmal sogar ein ganzes Leben.
Gerti wünscht sich nichts sehnlicher als eine eigene Familie. Als sie Albert kennenlernt, verliebt sie sich in einen Mann, der selbst verheiratet ist und offenbar nicht wirklich weiß, was er will. Er kommt und geht, verschwindet in ferne Länder und lässt Gerti immer wieder allein zurück. Trotzdem hält sie an dieser Liebe fest. Mit zwei Kindern muss sie ihren Alltag weitgehend allein bewältigen und sich zusätzlich gegen die Vorurteile ihrer Umgebung behaupten. Besonders die Angst, dass ihr die Jugendwohlfahrt die Kinder wegnehmen könnte, zeigt, unter welchem Druck sie steht. Ihre Sturheit und ihr Stolz sind dabei nicht unbedingt einfache Charakterzüge, sondern auch eine Art Schutzschild. Gerti gibt nicht auf, selbst wenn das Leben es ihr alles andere als leicht macht.
Rudi hingegen versucht, ihre Vergangenheit möglichst weit hinter sich zu lassen. Sie ist schön, glamourös und zieht von einer Beziehung zur nächsten. Doch hinter diesem Leben steckt offenbar eine Frau, die immer wieder nach Anerkennung und dem Gefühl sucht, endlich gut genug zu sein. Ihre verschiedenen Ehen und Beziehungen wirken dabei weniger wie ein Zeichen von Freiheit als vielmehr wie der Versuch, eine innere Leere zu füllen. Gerade solche Widersprüche machen eine Romanfigur für mich interessant. Man sieht nicht nur, was ein Mensch nach außen zeigt, sondern bekommt auch eine Ahnung davon, was ihn innerlich antreibt.
Hansi, die Jüngste, wird von einem liebevollen Ehepaar adoptiert und schlägt ihren ganz eigenen Weg ein. Sie liebt ihre Unabhängigkeit, macht eine Ausbildung zur Hotelkauffrau und baut sich beruflich etwas auf. Sie möchte sich weder durch einen Mann noch durch ein Kind festlegen lassen. Trotzdem fehlt auch ihr etwas. Denn selbst wenn das Leben äußerlich in geordneten Bahnen verläuft, lassen sich die eigenen Wurzeln und die Fragen nach der Herkunft nicht einfach abschütteln.
Was mir an diesem Familienroman besonders gefällt, ist, dass die drei Schwestern nicht über einen Kamm geschoren werden. Jede geht anders mit ihrer Vergangenheit um, jede entwickelt ihre eigenen Vorstellungen vom Glück und jede trägt ihre ganz persönlichen Verletzungen mit sich herum. Dabei geht es auch um die Rolle der Frau in einer Zeit, in der Selbstbestimmung längst nicht selbstverständlich ist. Gesellschaftliche Erwartungen, Vorurteile und wirtschaftliche Abhängigkeiten machen es den Frauen zusätzlich schwer, ihren eigenen Weg zu finden.
Max Moor erzählt eine Geschichte über Verlust, Schuld, Liebe und das Weitermachen, auch wenn die Voraussetzungen alles andere als einfach sind. Die Schicksale wirken dabei vielschichtig und zeigen, wie unterschiedlich Menschen auf ähnliche Verletzungen reagieren können. Besonders der Gedanke, dass die Schwestern einander verlieren und trotzdem ein Leben lang nicht vollständig loslassen, zieht sich wie ein emotionaler Faden durch die Geschichte.
Für mich ist „Schwestern. Trotz allem“ ein bewegender Familienroman, der zum Nachdenken anregt und vor allem durch seine menschlichen Schicksale überzeugt. Es ist keine leichte Wohlfühlgeschichte, sondern eine Erzählung über das echte Leben mit all seinen Brüchen, Enttäuschungen und kleinen Hoffnungsfunken. Ein Buch, das daran erinnert, wie wichtig Zusammenhalt ist und dass manche Verbindungen selbst dann bestehen bleiben, wenn das Leben scheinbar alles dafür tut, sie zu zerstören. Eine intensive Geschichte über drei Schwestern, drei Leben und eine Liebe, die trotz allem niemals ganz verloren geht.
- Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
- Erscheinungstermin : 8. Oktober 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 560 Seiten
- ISBN-10 : 3423285680
- ISBN-13 : 978-3423285681
- Abmessungen : 13.8 x 3.65 x 21.5 cm
