/ Februar 5, 2026/ Buch, Romane

Das Dream Hotel von Laila Lalami, in der eindringlichen deutschen Übersetzung von Michaela Grabinger, ist ein Roman, der leise beginnt und sich dann unaufhaltsam festsetzt – wie ein Traum, aus dem man nicht mehr aufwacht. Kühl, präzise und zutiefst beunruhigend erzählt er von einer Welt, die unserer erschreckend nahe ist, und von einer Frau, deren Leben durch eine scheinbar objektive Zahl aus den Fugen gerät.

Sara Hussein ist auf dem Heimweg von einer Geschäftsreise. Sie denkt an ihren Mann, an die zweijährigen Zwillinge, an die vertraute Routine, die sie am Flughafen wieder aufnehmen will. Doch statt der Ausgangstür wartet ein Mitarbeiter der Risk Assessment Administration auf sie. Ihr sogenannter Risk Score ist zu hoch. Die Auswertung ihrer Traumdaten – jener intimsten, unkontrollierbarsten Gedanken – hat ergeben, dass sie potenziell eine Gefahr für ihren eigenen Ehemann darstellen könnte. Zum Schutz anderer muss sie für 21 Tage unter Beobachtung gestellt werden.

Was wie eine kafkaeske Verwechslung klingt, ist bitterer Ernst. Während ihr Mann nichts ahnend mit den Kindern auf sie wartet, wird Sara in Gewahrsam genommen. Das Verbrechen, dessen sie beschuldigt wird, liegt in der Zukunft. Es existiert nur als statistische Wahrscheinlichkeit, berechnet aus nächtlichen Bildern, Emotionen und unbewussten Regungen. In der Haft trifft sie auf andere Frauen, die dasselbe Schicksal teilen. Alle versuchen sie zunächst, rational zu argumentieren, ihre Unschuld zu erklären, Vertrauen in ein System zu bewahren, das vorgibt, objektiv und gerecht zu sein.

Lalami beschreibt diesen Zustand mit großer Klarheit und emotionaler Zurückhaltung. Gerade dadurch entfaltet der Roman seine Wucht. Die Haft ist sauber, organisiert, fast komfortabel – und genau das macht sie so unheimlich. Es gibt Regeln, Formulare, freundliche Stimmen. Aber keine echte Möglichkeit, sich zu verteidigen. Denn wie beweist man, dass man etwas niemals tun wird?

Als die 21 Tage vergehen und Saras Entlassung immer wieder mit neuen Begründungen aufgeschoben wird, beginnt sich ihr Blick zu verändern. Was zunächst wie ein bedauerlicher Fehler wirkte, entpuppt sich als System, das sich selbst legitimiert und jede Abweichung als weiteres Risiko auslegt. Je mehr Sara kooperiert, desto tiefer verstrickt sie sich. Je mehr sie zweifelt, desto verdächtiger wird sie.

Das Dream Hotel ist ein Roman über Überwachung, Vorverurteilung und die gefährliche Vermischung von Technologie und Macht. Er stellt unbequeme Fragen: Wem gehören unsere innersten Gedanken? Was geschieht, wenn Sicherheit wichtiger wird als Freiheit? Und wie viel Menschlichkeit bleibt, wenn Algorithmen über Schuld und Unschuld entscheiden?

Gleichzeitig ist das Buch eine sehr persönliche Geschichte. Sara ist keine abstrakte Figur, sondern eine Mutter, eine Ehefrau, eine berufstätige Frau, die zwischen Verantwortung, Anpassung und Widerstand zerrieben wird. Ihre Sehnsucht nach ihren Kindern, ihre Angst, vergessen zu werden, und ihr wachsender Zorn verleihen dem Roman eine emotionale Tiefe, die lange nachhallt.

Laila Lalami gelingt mit Das Dream Hotel eine beklemmend aktuelle Dystopie, die ohne spektakuläre Effekte auskommt. Stattdessen wirkt sie durch ihre Nähe zur Realität – und durch das Gefühl, dass wir dieser Welt vielleicht schon näher sind, als uns lieb ist. Ein kluges, verstörendes und hochrelevantes Buch, das man nicht einfach zuschlägt, sondern mit sich trägt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kein & Aber
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3036950834
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3036950839
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Dream Hotel
  • Abmessungen ‏ : ‎ 11 x 2 x 18 cm
  • 26 Euro

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*