
Schon der Titel „Das Flimmern der Raubtierfelle“ lässt aufhorchen. Er klingt schön, gefährlich, verführerisch – und genau darum geht es. Hans-Peter Kunisch rückt in dieser Biografie Rainer Maria Rilke in ein Licht, das irritiert, verstört und zugleich notwendig ist. Dieses Buch ist keine literarische Demontage, sondern eine mutige, kluge und hochspannende Neubetrachtung eines Dichters, den viele bislang lieber unpolitisch gelesen haben wollten.
Im Zentrum stehen brisante Briefe, die lange am Rand der Rilke-Rezeption standen oder bewusst übersehen wurden. Besonders der Briefwechsel mit der jungen Mailänder Fürstin Aurelia Gallarati-Scotti nach dem Ersten Weltkrieg öffnet ein Fenster in eine Seite Rilkes, die schwer auszuhalten ist. Hier zeigt sich ein Dichter, der offen Sympathien für den italienischen Faschismus und autoritäre Ordnungen äußert – nicht beiläufig, sondern mit Überzeugung. Kunisch legt diese Texte nicht bloß, er liest sie genau, beharrlich und ohne Ausflüchte.
Erschütternd – und zugleich faszinierend – ist dabei das intellektuelle Gefälle in diesem Briefwechsel. Gallarati-Scotti widerspricht Rilke mit humanistischer Klarheit, argumentiert gegen Gewalt, Machtkult und politische Verblendung. Rilke jedoch reagiert nicht mit Selbstzweifel oder Rückzug, sondern verstrickt sich immer tiefer in seine Denkfiguren. Dieses kommunikative Scheitern wird von Kunisch mit großer erzählerischer Sensibilität nachgezeichnet – als ein Prozess, nicht als plattes Urteil.
Die große Stärke des Buches liegt darin, dass Kunisch Biografie und Zeitgeschichte eng miteinander verwebt. Er zeigt, wie sehr Rilkes politische Positionen aus seiner Lebenssituation, seiner Ästhetik und seiner Weltflucht heraus entstehen. Der Dichter der Innerlichkeit, der Schönheit, der existenziellen Einsamkeit ist nicht losgelöst von der Welt – im Gegenteil: Gerade seine Sehnsucht nach Ordnung, Erhabenheit und Transzendenz macht ihn anfällig für autoritäre Verlockungen. Das „Flimmern der Raubtierfelle“ wird so zum Bild für die ästhetische Anziehungskraft von Macht.
Dabei bleibt Kunisch immer fair. Er schreibt weder anklagend noch entschuldigend. Stattdessen lädt er zur kritischen Lektüre ein – von Rilkes Leben ebenso wie von seinem Werk. Die Gedichte verlieren nichts von ihrer sprachlichen Kraft, aber sie stehen plötzlich in einem erweiterten, unbequemeren Kontext. Und genau das macht diese Biografie so wichtig.
Stilistisch ist das Buch meisterhaft. Kunisch nutzt erzählerische Mittel, ohne an analytischer Schärfe zu verlieren. Man liest dieses Werk nicht wie eine trockene Studie, sondern wie eine dichte, klug komponierte Erzählung über Kunst, Macht, Verführung und Verantwortung. Die Argumente sind präzise, die Sprache klar, der Ton ruhig – und gerade deshalb so eindringlich.
„Das Flimmern der Raubtierfelle“ ist ein Buch für Leser:innen, die Literatur ernst nehmen. Die wissen, dass große Kunst nicht automatisch moralische Größe bedeutet. Und die bereit sind, auch Ikonen neu zu befragen. Diese Biografie erweitert den Blick auf Rilke – und zwingt dazu, über das Verhältnis von Ästhetik und Politik neu nachzudenken. Unbequem, notwendig und brillant erzählt.
- Herausgeber : Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
- Erscheinungstermin : 3. September 2025
- Auflage : Originalausgabe
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 336 Seiten
- ISBN-10 : 3150115035
- ISBN-13 : 978-3150115039
- Abmessungen : 13.7 x 3.3 x 21.5 cm
