/ Februar 26, 2026/ Buch

Es ist ein Titel wie ein Aufschrei: „Das glaubt mir doch kein Mensch.“
Und genau so liest sich dieses Buch auch – wie der Versuch, endlich laut auszusprechen, was viel zu lange verschwiegen wurde.

Adrian H. Koerfer erzählt von einer Kindheit, die nach außen glänzte – und sich innen kalt anfühlte.


Wohlstand ohne Wärme

Koerfer wächst in großem Reichtum auf. Ein Leben, das von außen betrachtet privilegiert wirkt: großes Haus, Personal, gesellschaftliche Stellung. Doch hinter der Fassade fehlt das Entscheidende – Nähe.

Der Vater: abwesend.
Die Mutter: überfordert.
Die Erziehung übernehmen Angestellte.

Was nach Sicherheit klingt, wird für das Kind zu emotionaler Einsamkeit. Keine verlässliche Bindung, kein geschützter Raum. Stattdessen das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden.

Das Buch beschreibt eindringlich, wie materieller Wohlstand emotionale Kälte nicht ersetzen kann – und wie sehr Kinder an fehlender Zuwendung zerbrechen können, auch wenn „eigentlich alles da ist“.


Abschiebung ins Internat

Schließlich wird Adrian an die Odenwaldschule geschickt – ein Internat mit reformpädagogischem Ruf, das sich später als Ort systematischen Missbrauchs durch Lehrkräfte herausstellen sollte.

Was als Neuanfang gedacht ist, wird zur nächsten Erschütterung.

Koerfer schildert, wie Machtstrukturen, Abhängigkeiten und Schweigen ineinandergreifen. Wie Autoritätspersonen Vertrauen missbrauchen. Wie Kinder lernen, ihre Wahrnehmung infrage zu stellen. Und wie ein System entsteht, das Täter schützt – und Opfer isoliert.

Seine Sprache bleibt dabei klar und direkt. Keine Effekthascherei, kein Pathos. Gerade diese Nüchternheit macht viele Passagen besonders eindringlich.


Das Schweigen

Ein zentrales Thema des Buches ist das Schweigen.
Das Schweigen in Familien.
Das Schweigen in Institutionen.
Das Schweigen der Mitwissenden.

Koerfer beschreibt Mechanismen der Verdrängung: Wie unangenehme Wahrheiten kleingeredet oder nicht hören gewollt werden. Wie Loyalität eingefordert wird. Wie Zweifel an der eigenen Erinnerung gesät werden.

„Das glaubt mir doch kein Mensch“ ist deshalb mehr als eine persönliche Geschichte. Es ist auch eine Analyse von Macht und Ohnmacht. Von Strukturen, die Täter begünstigen und Betroffene zum Verstummen bringen.


Der Moment des Widerstands

Erst als Heranwachsender findet Adrian die Kraft, sich innerlich zu widersetzen. Es ist kein plötzlicher Befreiungsschlag, sondern ein langsamer Prozess.

Er beginnt, das Erlebte zu benennen.
Er beginnt, sich selbst zu glauben.
Er beginnt, sich gegen Gewalt und Schweigen zu stellen.

Dieser Teil des Buches ist besonders bewegend, weil er zeigt: Selbst nach tiefen Verletzungen ist Entwicklung möglich. Nicht ohne Brüche, nicht ohne Wut – aber mit einer wachsenden Klarheit.


Ein Blick zurück im Zorn

Koerfer spart seine Wut nicht aus. Und genau das macht das Buch kraftvoll. Es ist kein versöhnlicher Rückblick, sondern ein ehrlicher.

Der Autor schreibt gegen das Vergessen an. Gegen das Relativieren. Gegen die bequeme Distanzierung von Verantwortung.

Gleichzeitig stellt er die Gegenwart in die Pflicht:
Was haben wir gelernt?
Wie gehen wir heute mit Macht in Schulen und Familien um?
Wie schützen wir Kinder besser?


Stil und Wirkung

Die Erinnerungen sind intensiv, manchmal schwer auszuhalten, aber nie sensationsheischend. Koerfer schreibt reflektiert, strukturiert und mit spürbarer innerer Dringlichkeit.

Dieses Buch ist keine leichte Lektüre. Aber eine wichtige.

Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich mit den dunklen Seiten gesellschaftlicher Strukturen auseinandersetzen möchten. An Menschen, die verstehen wollen, wie Missbrauchssysteme funktionieren – und wie schwer es ist, sie zu durchbrechen.


Fazit

„Das glaubt mir doch kein Mensch – Erinnerungen an eine andere Welt“ ist ein schonungsloser Bericht über emotionale Vernachlässigung, institutionellen Missbrauch und die zerstörerische Kraft des Schweigens.

Es ist zugleich ein Buch über Selbstermächtigung. Über das Ringen um Wahrheit. Und über den Mut, die eigene Geschichte öffentlich zu machen.

Ein eindringliches Erinnerungsbuch, das lange nachwirkt – und das deutlich macht: Wegsehen ist keine Option.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition W GmbH
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 9. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 138 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3949671250
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3949671258
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.2 x 21.2 x 1.2 cm

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