/ Februar 24, 2026/ Buch, Romane, Sachbuch

Stell dir vor: Köln, Frühjahr 2022. Eigentlich will Bergrath nur für eine Recherche in einem Gewerbegebiet Fotos machen. Zwei komplett betrunkene osteuropäische Lkw-Fahrer prügeln sich da die Köpfe ein – bitteres Sinnbild für das, was in der Branche schiefläuft. Und genau in diesem Moment merkt er: Mit seinem rechten Arm stimmt was nicht. Er kriegt ihn kaum noch hoch. Kein Muskelkater, kein Zipperlein. Sondern der Anfang von etwas richtig Üblem.

Kurz darauf die Diagnose in der Onkologie der Uniklinik Köln: lebensbedrohliches Rezidiv eines Non-Hodgkin-Lymphoms im zentralen Nervensystem. Heißt auf gut Deutsch: Der Krebs ist zurück. Und zwar im Kopf. Lebensgefährlich. Chemotherapie direkt in die Vene, Langzeitprogramm, volle Härte.

Und was macht der Mann? Legt er sich hin, zieht die Decke über den Kopf und sagt: „War’s das“? Nö. Ganz im Gegenteil. Er recherchiert weiter. Als gäbe es kein Morgen – was ja im schlimmsten Fall sogar stimmt.

Das Buch ist so stark, weil es zwei Welten zusammenbringt, die eigentlich kaum krasser auseinanderliegen könnten: Da ist auf der einen Seite dieser brutale, persönliche Kampf gegen den Krebs. Krankenhausflure, Infusionen, Nebenwirkungen, die Angst im Hinterkopf. Und auf der anderen Seite diese investigative Recherche über europaweites Sozialdumping bei Lkw-Fahrern – vor allem aus Drittstaaten. Fahrer, die ausgebeutet werden. Firmen, die Gesetzeslücken nutzen. Und Behörden, die angeblich kontrollieren.

Bergrath bleibt dran. Trotz Chemo. Trotz Erschöpfung. Trotz der Tatsache, dass sein eigenes Leben gerade auf der Kippe steht. Er schaut genauer hin – besonders auf einen Kontrolleur des Bundesamtes für Güterverkehr in Köln, der offenbar ein doppeltes Spiel spielt. Da wird’s fast schon krimihaft. Man merkt: Der Typ ist Journalist durch und durch. Der lässt nicht locker.

Was das Ganze aber so besonders macht, ist der Ton. Das ist kein jammerndes Krankheitsprotokoll. Kein Selbstmitleids-Trip. Sondern eine Mischung aus Galgenhumor, Klartext und erstaunlicher Leichtigkeit. Er beschreibt, wie absurd es ist, wenn europäische Schutzvorschriften sich gegenseitig widersprechen, während Menschen darunter leiden. Und gleichzeitig kämpft er selbst ums Überleben.

Dieses Buch hat Wucht, weil es echt ist. Weil man spürt: Hier schreibt keiner aus sicherer Distanz. Hier schreibt jemand, der weiß, dass Zeit plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr ist. „Todgeweihte schreiben anders“ – der Titel ist keine Übertreibung. Da ist eine Dringlichkeit in jedem Gedanken. Eine Schärfe. Eine Ehrlichkeit, die manchmal fast wehtut – aber auf eine gute Art.

Und trotzdem ist da Hoffnung. Moderne Medizin, kluge Ärzte, Chemotherapie – das alles wird nicht verteufelt, sondern als das gezeigt, was es ist: eine echte Chance. Kein Wunderheilmittel, aber ein verdammt starkes Werkzeug.

Am Ende ist das Buch mehr als nur eine Krebs-Geschichte oder eine Enthüllungsstory über Missstände im Transportgewerbe. Es ist ein Statement. Über Haltung. Über Mut. Über den Willen, nicht klein beizugeben – weder vor einem Tumor im Kopf noch vor korrupten Strukturen.

Locker geschrieben, direkt, manchmal schwarzhumorig, oft nachdenklich – aber immer mit Herz und Hirn. Man legt es nicht einfach weg und denkt: „Ganz nett.“ Sondern eher: „Respekt. Was für ein Typ.“

Ein Buch, das zeigt, wie viel Kraft im Menschen stecken kann, wenn’s drauf ankommt. Und dass man selbst dann noch für Gerechtigkeit kämpfen kann, wenn man eigentlich schon genug mit sich selbst zu tun hätte.

  • Herausgeber ‏ : ‎ KONTRAST-VERLAG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. September 2023
  • Auflage ‏ : ‎ 1.,
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 235 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3941200968
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3941200968
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.5 x 19 x 1 cm

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