Okay – diesmal ist der Vibe ein komplett anderer. Kein „Wow, geil“, sondern eher dieses leise, eindringliche: „Uff… das geht unter die Haut.“
„Habe ich denn allein gejubelt?“ von Eva Sternheim-Peters ist kein Buch, das dich einfach unterhält. Das ist eins, das dich packt, festhält und nicht mehr so schnell loslässt. Und zwar nicht laut oder dramatisch – sondern gerade dadurch, dass es so ruhig, ehrlich und ungeschönt erzählt ist.
Du liest hier die Erinnerungen einer Frau, die als Kind im Nationalsozialismus aufgewachsen ist. Und das Krasse ist: Sie beschreibt keine Welt, die sich für sie damals wie „böse“ angefühlt hat. Im Gegenteil. Militär, Waffen, Krieg – das alles war für sie erstmal… normal. Alltag. Teil der Umgebung. Und genau das trifft dich beim Lesen wie ein Schlag.
Weil du plötzlich checkst: Niemand wird als überzeugter Mitläufer geboren. Das passiert schleichend. Über Vorbilder, über Sprache, über dieses ständige Wiederholen von Parolen, bis sie sich irgendwann einfach richtig anfühlen.
Und genau da wird das Buch richtig stark. Eva Sternheim-Peters schaut zurück – nicht, um sich rauszureden oder irgendwas schönzufärben. Kein „Ja, aber…“. Kein Rechtfertigen. Sondern eher so: „So war das. So habe ich gedacht. Und ja, das muss man sich anschauen.“
Das braucht Mut. Ehrlich.
Was besonders hängen bleibt: diese Mischung aus Selbstkritik und so einer ganz feinen, manchmal fast bitteren Selbstironie. Sie stellt sich nicht über die Vergangenheit, sondern mittendrin. Sie zeigt, wie leicht man Dinge übernimmt, ohne sie zu hinterfragen – einfach, weil man jung ist, dazugehören will, nichts anderes kennt.
Und das fühlt sich beim Lesen manchmal unangenehm an. Aber genau das ist der Punkt. Es soll nicht bequem sein.
Du merkst auch schnell: Das ist kein erhobener Zeigefinger. Sie sagt nicht „So müsst ihr denken“. Sie sagt eher: „Schaut hin. Versteht, wie das passieren konnte.“ Und plötzlich wird Geschichte nicht mehr abstrakt, sondern total persönlich.
Dieses Buch schließt auch so eine Lücke, die viele kennen: Diese Gespräche, die man vielleicht nie mit den eigenen Großeltern geführt hat. Dieses „Wie war das eigentlich wirklich?“ – genau da geht sie rein. Offen, direkt, ohne sich zu verstecken.
Und dadurch wird das Ganze fast schon erschreckend nahbar. Du liest nicht über „die Menschen damals“. Du liest über ein Kind. Über Gedanken, Gefühle, Einflüsse. Und merkst: Die Mechanismen dahinter sind zeitlos.
Die neue, erweiterte Ausgabe gibt dem Ganzen nochmal mehr Tiefe. Es wirkt reflektierter, noch klarer in der Haltung. Nicht milder – eher präziser.
Kurz gesagt:
Das ist kein leichtes Buch. Aber ein verdammt wichtiges.
Es zwingt dich nicht, aber es lädt dich ein, hinzuschauen. Und wenn du das tust, gehst du ziemlich sicher nicht mehr ganz genauso raus, wie du reingegangen bist.
- Herausgeber : Europa Verlag
- Erscheinungstermin : 28. November 2025
- Auflage : Revised
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 784 Seiten
- ISBN-10 : 3958906583
- ISBN-13 : 978-3958906587
- Abmessungen : 22 x 5.1 x 14.7 cm
