
Helmut Schmidt und Karl Popper: Gespräche ohne Zigaretten von Thomas Stölzel ist ein schmales, aber gedanklich dichtes Buch über eine außergewöhnliche geistige Begegnung – und über die Frage, was Philosophie leisten kann, wenn politische Entscheidungen unter Druck entstehen. Es ist kein biografischer Abklatsch und keine nostalgische Rückschau, sondern ein reflektierter Essay über Haltung, Beratung und Verantwortung in der offenen Gesellschaft.
Im Zentrum steht die Beziehung zwischen dem Staatsmann Helmut Schmidt und dem Philosophen Karl Popper. Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch etwas Entscheidendes teilten: den Respekt vor dem Denken als Praxis. Stölzel interessiert sich weniger für Anekdoten als für das „Zwischen“, das Martin Buber beschrieben hat – jenen Raum des Dialogs, in dem nicht Belehrung, sondern gegenseitige Klärung möglich wird. Die titelgebenden „Gespräche ohne Zigaretten“ sind dabei sinnbildlich zu verstehen: als konzentrierte, nüchterne Begegnungen, in denen Argumente zählen, nicht Gesten oder Inszenierung.
Der Essay zeigt eindrücklich, wie philosophische Einsichten politisches Handeln nicht ersetzen, aber begleiten und schärfen können. Popper tritt nicht als Ratgeber auf, der fertige Lösungen liefert, sondern als Gesprächspartner, der Zweifel kultiviert. Besonders das sokratische Nichtwissen – die Einsicht in die eigene Begrenztheit – wird als zentrale Voraussetzung verantwortlichen Handelns herausgearbeitet. Für Schmidt, geprägt von Krisen, Macht und Entscheidungszwang, war gerade diese Haltung kein Zeichen von Schwäche, sondern von intellektueller Redlichkeit.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Toleranz: ihrer Notwendigkeit, aber auch ihren Grenzen. Stölzel macht deutlich, dass Popper Toleranz nie als Beliebigkeit verstanden hat. Eine offene Gesellschaft muss offen bleiben – aber sie darf nicht wehrlos sein gegenüber Kräften, die ihre Offenheit abschaffen wollen. Diese Spannung wird nicht theoretisch abgehandelt, sondern stets im Hinblick auf politische Praxis reflektiert.
Besonders aktuell wird das Buch dort, wo es die Frage stellt, wie sich philosophische Beratung in Krisenzeiten einer Demokratie bewähren kann. In einer Zeit, in der politische Kommunikation oft auf Vereinfachung, Emotionalisierung und Lagerbildung setzt, plädiert Stölzel für das langsame, prüfende Denken. Für Beratung, die nicht bestätigt, sondern irritiert. Für Gespräche, die nicht beruhigen, sondern klären.
Die Sprache des Essays ist ruhig, präzise und zugänglich. Philosophische Konzepte werden verständlich entfaltet, ohne an Tiefe zu verlieren. Das Buch richtet sich damit nicht nur an philosophisch Interessierte, sondern auch an politisch wache Leserinnen und Leser, die nach Orientierung jenseits von Schlagworten suchen.
Helmut Schmidt und Karl Popper: Gespräche ohne Zigaretten ist letztlich ein Buch über Haltung. Über die Bereitschaft, sich im Denken korrigieren zu lassen. Und über die Hoffnung, dass genau diese Haltung dazu beitragen kann, dass Demokratie mehr bleibt als ein formales Verfahren – nämlich eine lebendige, offene Praxis.
Ein kluger, klar geschriebener Essay über die Kraft des Denkens im politischen Handeln. Die Verbindung von Popper und Schmidt wird verständlich, aktuell und reflektiert dargestellt. Ein anregendes Buch über Dialog, Verantwortung und die offene Gesellschaft.
- Herausgeber : Verlag Karl Alber
- Erscheinungstermin : 28. November 2025
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 254 Seiten
- ISBN-10 : 3495990461
- ISBN-13 : 978-3495990469
- Abmessungen : 13.4 x 1.8 x 21.4 cm
- 39 Euro
