
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann ist so ein Buch, das sich anfühlt, als würdest du nachts mit jemandem auf dem Balkon sitzen, ein bisschen Wein trinken und plötzlich wird das Gespräch richtig tief. Nicht laut dramatisch – eher leise, aber mit einer Wucht, die dich trotzdem komplett erwischt.
Die Grundidee klingt erstmal nach Familiengeschichte, aber das Ganze ist viel mehr als nur ein „Ich recherchiere meine Vorfahren“-Ding. Hermann geht den Spuren ihres Großvaters nach, der im Zweiter Weltkrieg für die SS im polnischen Radom stationiert war. Und allein das ist schon ein emotionaler Sprengsatz. Da liegt diese Vergangenheit im Raum, über die lange geschwiegen wurde – dieses typische Familien-Schweigen, das irgendwie jede Generation kennt. Du merkst beim Lesen richtig: Hier geht es nicht nur um Fakten, sondern um dieses seltsame Gefühl, wenn man merkt, dass die eigene Familiengeschichte dunkle Schatten hat.
Und dann passiert etwas ziemlich Spannendes: Das Buch wird zu einer Reise. Hermann fährt nach Polen, sucht Orte auf, versucht zu begreifen, was damals gewesen sein könnte. Aber statt trockener Geschichtsstunde bekommst du eher so ein Gedankenwandern. Erinnerungen tauchen auf, Fragen bleiben offen, manche Dinge lassen sich einfach nicht klar beantworten. Genau das macht den Text so hypnotisch.
Später führt die Reise weiter nach Neapel, wo ihre Schwester lebt. Plötzlich wird das Ganze persönlicher, wärmer, fast ein bisschen mediterran-chaotisch. Zwischen Gesprächen, Beobachtungen und Erinnerungsfetzen entsteht so ein Bild davon, wie unterschiedlich Menschen mit Vergangenheit umgehen. Die eine Generation verdrängt, die nächste versucht zu verstehen – und wieder andere leben einfach weiter, weil das Leben halt weitergeht.
Was das Buch wirklich besonders macht, ist dieser typische Hermann-Sound: super feinfühlig, ruhig, fast schwebend. Sie schreibt nicht in großen historischen Thesen, sondern in kleinen Momenten. Ein Blick aus dem Fenster. Ein Gespräch am Tisch. Ein Ort, der plötzlich etwas auslöst. Und genau dadurch entsteht diese magische Stimmung – du hast ständig das Gefühl, zwischen den Zeilen passiert genauso viel wie im Text selbst.
Dabei geht es letztlich um eine ziemlich große Frage: Wie leben wir mit dem, was vor uns war? Was machen wir mit Geschichten, die eigentlich niemand erzählen wollte? Und wie viel Vergangenheit steckt noch in uns, obwohl wir sie gar nicht selbst erlebt haben?
Trotz der schweren Themen wirkt das Buch aber überraschend hoffnungsvoll. Hermann zeigt nämlich auch, dass in diesen brüchigen, komplizierten Familiengeschichten etwas Schönes liegen kann. Dass Erinnern nicht nur Schmerz bedeutet, sondern auch Verbindung. Dass man durch das Hinschauen vielleicht ein bisschen besser versteht, wer man selbst ist.
Kurz gesagt: Das Buch fühlt sich an wie ein leises, intensives Nachdenken über Zeit, Familie und Erinnerung – aber so erzählt, dass du dich dabei irgendwie gleichzeitig melancholisch, neugierig und seltsam lebendig fühlst. Ein Text, der nicht schreit, sondern flüstert – und genau deshalb lange im Kopf bleibt.
- Herausgeber : S. FISCHER
- Erscheinungstermin : 25. Februar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 160 Seiten
- ISBN-10 : 3103977646
- ISBN-13 : 978-3103977646
- Abmessungen : 12.9 x 1.6 x 20.8 cm
