
Schon der Titel „Kein schöner Land“ trifft wie ein leiser, aber präziser Schlag. Vertraut, aufgeladen, widersprüchlich – genau wie das Buch selbst. Peter Jordan hat keinen Roman geschrieben, kein Sachbuch, keine Abrechnung. Er hat etwas viel Mutigeres vorgelegt: einen autobiografischen, erzählenden Essay, der persönlich ist, klug, schmerzhaft ehrlich – und dabei erstaunlich zugänglich. Ein Buch, das bleibt, weil es sich traut, die großen Fragen nicht zu umgehen.
Im Zentrum steht ein Spannungsfeld, das viele kennen, aber nur wenige so offen benennen:
Vater war im Krieg – Sohn spielt Nazis.
Peter Jordan, 1967 geboren, Schauspieler, Künstler, Vater, Sohn, Deutscher. Einer, der sagt, dass es keinen Tag gibt, an dem er nicht an Krieg und Shoah denkt. Und genau von diesem Punkt aus beginnt seine Suche: Wie lebt man mit dieser Geschichte? Wie erzählt man sie weiter? Und wie findet man ein Verhältnis zu deutscher Kultur, ohne zu beschönigen – aber auch ohne sich dauerhaft abzuwenden?
Jordan beschreibt eindrücklich, wie in seiner Generation alles Deutsche erst einmal unter Verdacht stand. Volkslieder, Heimat, Tradition – muffig, gefährlich, belastet. Ablehnung als Schutzmechanismus. Doch dann kommt ein Bruch, leise und existenziell: die Geburt seines Kindes. Plötzlich reicht das Wegschieben nicht mehr. Plötzlich muss man erklären. Benennen. Aushalten. Und entscheiden, was man weitergibt – und wie.
Dieses Buch ist ein innerer Dialog, der nach außen spricht. Jordan denkt schreibend, tastend, suchend. Er erzählt von seiner Arbeit als Schauspieler, davon, Nazis zu spielen, Täter darzustellen, sich immer wieder in Rollen zu begeben, die mit Gewalt, Ideologie und Geschichte aufgeladen sind. Und er fragt: Was macht das mit mir? Was macht das mit uns? Wo endet die Rolle – und wo beginnt Verantwortung?
Dabei geht es nie um Schuldzuweisungen oder moralische Überheblichkeit. „Kein schöner Land“ ist angstfrei im besten Sinne. Jordan weicht den dunklen Kapiteln nicht aus, aber er verweigert sich auch der bequemen Selbstverachtung. Er sucht nach einem dritten Weg: einem bewussten, reflektierten Umgang mit deutscher Kultur, der Erinnerung ernst nimmt und trotzdem Zukunft zulässt.
Besonders stark ist die Aktualität des Buches. Die Frage, was Deutschland ist und sein kann, wird heute wieder mit wachsender Schärfe gestellt – von Rechtsradikalen im Inneren, von außenpolitischen Blicken, von gesellschaftlichen Rissen. Jordan macht klar: Wegducken ist keine Option mehr. Neutralität auch nicht. Haltung entsteht nicht durch Parolen, sondern durch Auseinandersetzung.
Der Stil ist dabei eine große Stärke: klar, erzählerisch, manchmal fast beiläufig – und genau deshalb so wirkungsvoll. Man liest nicht das Ergebnis einer fertigen Meinung, sondern den Prozess des Denkens selbst. Zweifel dürfen stehen bleiben. Widersprüche auch. Das macht das Buch glaubwürdig und menschlich.
„Kein schöner Land“ ist kein Buch, das tröstet. Aber es stärkt. Es lädt ein, mitzudenken, mitzuhalten, mitzuverantworten. Ein Buch für alle, die sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengeben. Für alle, die deutsche Geschichte nicht abschließen wollen, sondern verstehen, was sie heute bedeutet. Und für alle, die spüren: Identität entsteht nicht durch Verdrängen – sondern durch ehrliches Hinsehen.
Ein leises, starkes, hoch relevantes Buch. Und ja: großartig erzählt.
- Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
- Erscheinungstermin : 16. Oktober 2025
- Auflage : 2.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 160 Seiten
- ISBN-10 : 3423285109
- ISBN-13 : 978-3423285100
- Abmessungen : 12.2 x 2.1 x 19.4 cm
