/ November 30, 2025/ Buch, Romane

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„Rauschen in der Nacht“ ist ein ungewöhnliches, faszinierendes Geschichtsbuch. Es erzählt nicht einfach Ereignisse und Daten – es folgt einem Tier: der Wildgans. Thomas Steinfeld zeigt, wie dieses scheinbar gewöhnliche Tier im Laufe von über hundert Jahren immer wieder eine große Bedeutung bekommen hat. Die Wildgans wird in seinem Buch zu einer Art Spiegel der Zeit, an dem man ablesen kann, wie sich Menschen, Gesellschaften und Ideen verändern.

Am Anfang steht der Blick in das 19. Jahrhundert. Die Städte wachsen, das Leben wird lauter, enger und härter. Viele Menschen sehnen sich nach Freiheit, Natur und Weite. In dieser Zeit wird die Wildgans zu einem Symbol dafür, was vielen fehlt: eine Welt außerhalb des Lärms und der Enge. Ihr Flug erinnert an ein Leben, das nicht eingesperrt ist. So entsteht die Idee von der Wildgans als Sehnsuchtstier – ein Tier, das zeigt, wie Menschen sich eine bessere Welt vorstellen.

Berühmt wurde sie dann durch Selma Lagerlöfs Roman „Nils Holgerssons wunderbare Reise“. In dieser Geschichte trägt die Wildgans den kleinen Nils durch ganz Schweden. Sie wird zu einem Zeichen für Zusammenhalt und Gemeinschaft. Millionen Kinder – auch in Deutschland – lesen dieses Buch, und die Wildgans wird zu einem freundlichen, fast märchenhaften Wesen, das Menschen verbindet.

Doch die Geschichte nimmt bald ernste Wendungen. Im Ersten Weltkrieg singen Soldaten in den Schützengräben von der Wildgans. Für sie ist sie ein Bild für Heimat und Hoffnung, für etwas, das über das Grauen des Krieges hinausreicht. Danach taucht die Wildgans überall in der Kultur Europas auf: in Liedern, Gedichten, Kunstwerken und Filmen. Sie steht mal für Freiheit, mal für Natur, mal für eine bessere Zukunft.

Im 20. Jahrhundert wird sie sogar politisch. Der Schriftsteller Bertolt Brecht sieht in der Wildgans ein revolutionäres Tier, eines, das sich nicht unterwirft. Der Naturfotograf Bengt Berg wiederum erklärt sie zum „Charaktertier des Nordens“ – und seine romantischen Vorstellungen von einer uralten, reinen Landschaft passen gefährlich gut in die Ideologie der Nationalsozialisten. Damit zeigt Steinfeld: Ein und dasselbe Tier kann völlig unterschiedliche Bedeutungen bekommen, je nachdem, wer auf es schaut und welche Wünsche oder Ängste damit verbunden sind.

Später beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit ihr. Der berühmte Zoologe Konrad Lorenz untersucht das Verhalten der Graugans. Er glaubt, dass man an ihr erkennen kann, was Menschen zusammenhält – und was ihre Gemeinschaft bedroht. Auch hier wird die Wildgans wieder zum Zeichen für eine Welt, die sich im Umbruch befindet.

Steinfeld verfolgt die Spuren der Wildgans durch Literatur, Kunst, Film, Wissenschaft und Politik. Auf diese Weise entsteht ein lebendiges, überraschendes Bild des 20. Jahrhunderts. Man merkt, wie sehr Tiere in unseren Vorstellungen verankert sind und wie sie helfen können, große historische Entwicklungen verständlicher zu machen. Die Wildgans ist dabei nie nur ein Tier. Sie ist ein Sinnbild – für Freiheit, für Natur, für Zugehörigkeit, aber auch für Unsicherheit und Veränderung.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass es Geschichte nicht trocken erzählt. Es führt durch die Zeit, indem es zeigt, wie Menschen über ein Tier denken und welche Gefühle sie mit ihm verbinden. So entsteht ein farbiges, vielschichtiges Panorama einer ganzen Epoche. „Rauschen in der Nacht“ ist deshalb nicht nur ein Buch über Gänse – es ist ein Buch über uns Menschen, unsere Träume, unsere Ängste und den Wandel unserer Welt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Berlin
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 14. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3737101973
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3737101974
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.2 x 2.42 x 21 cm

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