/ Januar 21, 2026/ Buch

Das Buch „‚Wir wollten ins Verderben rennen‘ – Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg“ von Christian Pross beschäftigt sich mit einem der umstrittensten Kapitel der deutschen Nachkriegs- und Psychiatriegeschichte. Es erzählt die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs (SPK), das Anfang der 1970er-Jahre in Heidelberg entstand und bis heute kontrovers diskutiert wird.

In der öffentlichen Wahrnehmung taucht das SPK oft nur im Zusammenhang mit der RAF auf. Es wird dann als angebliche Brutstätte von Terrorismus dargestellt. Viele Berichte sind stark vereinfacht, sensationslustig oder stellen die Beteiligten als gefährliche, unzurechnungsfähige Menschen dar. Genau gegen diese einseitige Sicht richtet sich das Buch von Christian Pross.

Der Autor verfolgt ein anderes Ziel: Er möchte das SPK ernsthaft, differenziert und historisch korrekt darstellen. Dabei zeigt er, dass es sich beim SPK nicht nur um eine politische Randerscheinung handelte, sondern um ein komplexes Experiment an der Schnittstelle von Psychiatrie, Politik und Gesellschaft. Das Buch versteht das SPK als Teil der 68er-Bewegung und der damaligen Bemühungen um eine grundlegende Reform der Psychiatrie.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie psychisch kranke Menschen in der Gesellschaft behandelt werden und welche Rolle Macht, Medizin und Politik dabei spielen. Das SPK verstand Krankheit nicht nur als individuelles Problem, sondern als Folge gesellschaftlicher Verhältnisse. Diese Sichtweise war radikal, provozierend und für viele bedrohlich. Christian Pross beschreibt, wie aus Hoffnung, Aufbruch und Solidarität nach und nach Konflikte, Überforderung und Eskalationen entstanden.

Das Buch verschweigt dabei weder die Probleme noch die Widersprüche des SPK. Es zeigt sowohl die befreienden als auch die zerstörerischen Seiten dieser Bewegung. Der Titel „Wir wollten ins Verderben rennen“ macht deutlich, dass es im SPK nicht nur um Idealismus ging, sondern auch um Selbstzerstörung, Grenzüberschreitungen und tragische Entwicklungen.

Ein großer Vorteil des Buches ist der zeitliche Abstand, mit dem Christian Pross auf das Geschehen blickt. Dadurch gelingt ihm eine nüchterne, reflektierte Analyse, die weder verklärt noch verteufelt. Der bekannte Psychiater Klaus Dörner hebt in seinem Kommentar hervor, dass gerade dieser Abstand hilft, der historischen Wahrheit näherzukommen. Zudem lobt er die ungewöhnliche Perspektive des Autors, die es ermöglicht, die Ereignisse in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit wahrzunehmen.

Christian Pross ordnet die Geschichte des SPK auch in die Gesamtentwicklung der Psychiatriereform ein. Er zeigt, welche Impulse vom SPK ausgingen, welche Fehler gemacht wurden und was spätere Reformen daraus lernen konnten. Dadurch erhält das Buch nicht nur historischen Wert, sondern auch Bedeutung für aktuelle Diskussionen über psychische Gesundheit, Patientenrechte und den Umgang mit Macht in medizinischen Institutionen.

Insgesamt ist das Buch eine ernsthafte, anspruchsvolle und wichtige Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema. Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für Zeitgeschichte, Psychiatrie, die 68er-Bewegung und gesellschaftliche Umbrüche interessieren. Es lädt dazu ein, bekannte Erzählungen zu hinterfragen und genauer hinzuschauen – auch dort, wo es unbequem wird.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Psychiatrie Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 14. Oktober 2016
  • Auflage ‏ : ‎ 2. Auflage 2017
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 500 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3884146726
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3884146729
  • Abmessungen ‏ : ‎ 16.8 x 24.1 x 3.1 cm
  • 40 Euro

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