
Das Buch „Wirtschaft als Erste Philosophie? – Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“ von Carsten Lotz setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, welche Rolle wirtschaftliches Denken heute in unserer Gesellschaft spielt. Der Autor zeigt, dass die Ökonomie längst nicht mehr nur ein Werkzeug ist, um Unternehmen oder Märkte zu verstehen, sondern zu einer Art Grunddenken geworden ist, das unser gesamtes Leben prägt.
Carsten Lotz knüpft dabei an die Entwicklung der Moderne an. In dieser Zeit begann wirtschaftliches Denken immer mehr Bereiche des Lebens zu beeinflussen. Entscheidungen werden seitdem häufig nach einfachen Kosten-Nutzen-Rechnungen getroffen. Dieses Denken ist so verbreitet, dass es uns oft gar nicht mehr auffällt. Wir planen unsere Zeit wie ein knappes Gut, vergleichen Menschen miteinander und bewerten fast alles danach, ob es sich „lohnt“.
Der Autor beschreibt, dass diese Denkweise durch verschiedene Kräfte gestützt wird. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Management. Manager führen heute nicht mehr nur Unternehmen, sondern beeinflussen auch Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungen, Universitäten und sogar persönliche Lebensentscheidungen. Überall gelten ähnliche Begriffe: Effizienz, Wettbewerb, Optimierung und Leistung.
Hinzu kommen gesellschaftliche Debatten, in denen wirtschaftliche Lösungen als Antwort auf fast alle Probleme präsentiert werden. Ob Bildung, Gesundheit, Umwelt oder soziale Fragen – oft wird so getan, als könne der Markt alles regeln. Laut Carsten Lotz nimmt die Ökonomie dadurch eine Stellung ein, die früher der Philosophie oder der Religion vorbehalten war. Sie verspricht Orientierung, Sicherheit und sogar Erlösung. Der Autor spricht deshalb von quasi-religiösen Heilsversprechen.
Problematisch wird diese Entwicklung dort, wo wirtschaftliches Denken zur sogenannten „Ersten Philosophie“ wird. Damit ist gemeint, dass ökonomische Logik zum obersten Maßstab für alles andere wird. Wenn Menschen nur noch als Konkurrenten gesehen werden, Zeit ständig als Mangel empfunden wird und die Welt nur noch als „Business Case“ erscheint, dann gerät der Mensch selbst aus dem Blick.
Carsten Lotz warnt davor, dass ein solches Denken zu Entfremdung, Stress und sozialer Kälte führen kann. Es verändert, wie wir miteinander umgehen und wie wir uns selbst wahrnehmen. Solidarität, Mitgefühl und gemeinsames Handeln verlieren an Bedeutung, wenn alles unter dem Gesichtspunkt von Nutzen und Gewinn betrachtet wird.
Das Buch bleibt jedoch nicht bei der Kritik stehen. Es macht auch einen Denkanstoß für einen anderen Blick auf die Welt. Der Autor fordert dazu auf, wieder bewusster und vielfältiger zu denken. Der andere Mensch ist dann nicht automatisch ein Gegner oder Konkurrent. Zeit ist nicht nur etwas, das man einsparen oder verwerten muss. Und die Welt ist mehr als ein Projekt, das sich rechnen soll.
„Wirtschaft als Erste Philosophie?“ ist kein leichtes, aber ein klar geschriebenes und verständliches Buch, das zum Nachdenken anregt. Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für Philosophie, Gesellschaftskritik und politische Fragen interessieren, aber auch an alle, die spüren, dass wirtschaftliches Denken ihren Alltag stärker bestimmt, als ihnen lieb ist.
Insgesamt lädt das Buch dazu ein, die scheinbare Selbstverständlichkeit ökonomischer Vernunft zu hinterfragen und Raum für andere Formen des Denkens und Handelns zu schaffen.
- Herausgeber : Verlag Karl Alber
- Erscheinungstermin : 1. Oktober 2025
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 319 Seiten
- ISBN-10 : 3495989935
- ISBN-13 : 978-3495989937
- Abmessungen : 13.4 x 2.3 x 21 cm
