/ September 17, 2026/ Buch

Der Titel hat mich zunächst neugierig gemacht. „Meistgeklickt“ klingt fast harmlos, beinahe nach einem typischen Begriff aus der digitalen Medienwelt. Beim Lesen wird allerdings schnell deutlich, wie viel hinter diesem Wort steckt. Es geht um Aufmerksamkeit, Klickzahlen und mediale Reichweite – aber eben auch um einen Menschen, dessen Leben durch eine öffentliche Berichterstattung völlig aus den Fugen geraten ist.

Jolanda Spiess-Hegglin erzählt in diesem Buch ihre eigene Geschichte rund um die Ereignisse im Dezember 2014. Damals war sie frisch gewählte grüne Kantonsrätin im Schweizer Kanton Zug. Nach der Zuger Landammannfeier erwacht sie am nächsten Morgen mit einem Filmriss und Unterleibsschmerzen. Im Anschluss beginnen Untersuchungen, und kurze Zeit später wird ihr Name gemeinsam mit dem eines SVP-Politikers in den Medien veröffentlicht.

Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat, ist weniger die Frage, welche Schlagzeile damals die größte Aufmerksamkeit bekommen hat, sondern vielmehr die Erfahrung, wie es sich anfühlen muss, wenn das eigene Leben plötzlich öffentlich verhandelt wird. Zeitungen berichten, Menschen diskutieren in sozialen Netzwerken, Kommentare verbreiten sich – und die betroffene Person steht mitten in diesem Geschehen.

Genau deshalb finde ich es wichtig, dass Spiess-Hegglin hier selbst zu Wort kommt. Ihre Geschichte war bereits vielfach Gegenstand öffentlicher Berichterstattung. In „Meistgeklickt“ geht es nun darum, diese Ereignisse aus ihrer eigenen Perspektive zu erzählen. Dadurch verändert sich auch mein Blick auf das Geschehen. Man liest nicht mehr nur eine Nachricht über eine Politikerin, sondern begleitet eine Frau, die versucht, mit den Folgen einer extremen öffentlichen Aufmerksamkeit umzugehen.

Besonders nachdenklich gemacht hat mich das Thema Medien und Persönlichkeitsrechte. Journalismus hat selbstverständlich die Aufgabe, über gesellschaftlich und politisch relevante Ereignisse zu berichten. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, wo Berichterstattung aufhört und persönliche Grenzen überschritten werden. Das Buch beschäftigt sich sehr deutlich mit dieser Spannung und mit den Folgen, die eine massive Medienberichterstattung für einen einzelnen Menschen haben kann.

Auch das Thema Hass im Netz nimmt einen wichtigen Raum ein. Heute ist es fast selbstverständlich, dass Nachrichten innerhalb kürzester Zeit kommentiert, geteilt und weiterverbreitet werden. Was dabei leicht vergessen wird: Hinter einem Namen auf dem Bildschirm steckt ein echter Mensch. Genau diese Seite der digitalen Öffentlichkeit wird durch die persönliche Perspektive des Buches sehr greifbar.

Ich fand beim Lesen besonders interessant, wie sich dadurch auch der Begriff „Klick“ verändert. Ein Klick klingt zunächst nach einer völlig neutralen technischen Handlung. Für Medien kann er Reichweite und wirtschaftlichen Wert bedeuten. Für die Person, über die geklickt und berichtet wird, kann dahinter aber etwas ganz anderes stehen: eine Verletzung der Privatsphäre, öffentliche Verurteilung, Angst, Wut, Hilflosigkeit oder das Gefühl, die Kontrolle über die eigene Geschichte zu verlieren.

Spiess-Hegglin beschreibt außerdem ihren Weg, sich gegen aus ihrer Sicht fehlerhafte und persönlichkeitsverletzende Berichterstattung juristisch zur Wehr zu setzen. Dass sie dabei gegen Medien und Medienschaffende vor Gericht gezogen ist und nach den Angaben des Buches in mehreren Fällen Recht bekam, macht einen weiteren wichtigen Aspekt deutlich: Persönlichkeitsrechte sind nicht nur ein theoretisches Thema. Sie können sehr konkrete Konsequenzen haben.

Beim Lesen hatte ich deshalb immer wieder den Eindruck, dass „Meistgeklickt“ weit über die persönliche Geschichte der Autorin hinausgeht. Das Buch ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit Journalismus, Medienmacht, Boulevardberichterstattung, Social Media, öffentlicher Aufmerksamkeit und Hass im Internet.

Dabei muss man nicht jede Sichtweise der Autorin ungeprüft übernehmen, um das Buch interessant zu finden. Gerade weil es sich ausdrücklich um ihre eigene Geschichte und Perspektive handelt, finde ich es spannend, diese Perspektive kennenzulernen und sich anschließend selbst Gedanken über Medienberichterstattung und den Umgang mit Menschen in der Öffentlichkeit zu machen.

Mein persönlicher Eindruck ist daher sehr positiv. „Meistgeklickt“ ist für mich kein bequemes Buch, das man einfach liest und anschließend wieder vergisst. Es regt zum Nachdenken darüber an, wie schnell aus einem Ereignis eine Schlagzeile und aus einer Schlagzeile ein öffentliches Urteil werden kann.

Besonders gelungen finde ich, dass Jolanda Spiess-Hegglin hier nicht einfach eine weitere Darstellung der damaligen Ereignisse liefert, sondern ihre eigene Stimme in den Mittelpunkt stellt. Nach all den fremden Geschichten über sie bekommt sie damit die Möglichkeit, selbst zu erzählen, wie sie die Ereignisse erlebt hat und welche Folgen die massive öffentliche Aufmerksamkeit für sie hatte.

Für mich ist „Meistgeklickt“ deshalb vor allem ein persönliches und gleichzeitig gesellschaftlich interessantes Buch über Medien, Öffentlichkeit und die Macht von Geschichten. Es zeigt sehr eindrücklich, dass ein Mensch hinter jeder Schlagzeile steht – und dass ein „Klick“ für den einen nur eine Zahl sein kann, für einen anderen aber einen tiefen Einschnitt im eigenen Leben bedeutet.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Limmat
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 21. November 2024
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 208 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3039260839
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3039260836
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.1 x 1.8 x 20.5 cm

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