
Ich muss ehrlich sagen: Als ich den „MZT 4-7 – Menschzeichentest 4-7“ von Wolfgang Dahms zum ersten Mal in den Händen hatte, war ich neugierig, wie viel sich tatsächlich aus einer scheinbar ganz einfachen Kinderzeichnung herauslesen lässt. Ein Kind malt einen Menschen – Kopf, Körper, Arme, Beine, vielleicht noch Haare, Augen oder Kleidung – und für uns Erwachsene sieht das zunächst nach einer ganz normalen Zeichnung aus. Der MZT 4-7 zeigt allerdings, dass hinter einer solchen Menschzeichnung deutlich mehr stecken kann.
Der Test ist eine Weiterentwicklung des Mannzeichentests nach Hermann Ziler und richtet sich an Kinder vom vierten bis zum siebten Geburtstag. Besonders interessant finde ich, dass es sich um einen nicht-sprachlichen Entwicklungstest handelt. Das Kind muss also keine komplizierten Fragen beantworten und auch keine besonderen sprachlichen Leistungen erbringen. Stattdessen wird die Menschzeichnung zum Ausgangspunkt, um Aspekte der kognitiven, körperlich-motorischen und emotionalen Entwicklung näher zu betrachten.
Genau das wollte ich selbst einmal ausprobieren. Also habe ich mich Schritt für Schritt mit der beschriebenen Durchführung beschäftigt und mir die einzelnen Kriterien genauer angesehen. Und plötzlich betrachtet man so eine Kinderzeichnung tatsächlich mit ganz anderen Augen.
Beim ersten Blick denkt man noch: „Das ist doch einfach ein gemalter Mensch.“ Beim genaueren Hinschauen beginnt man aber automatisch darauf zu achten, welche Körperteile dargestellt werden, wie die Figur aufgebaut ist und welche Details das Kind bereits berücksichtigt. Gerade dieser Perspektivwechsel hat mir beim Ausprobieren besonders gut gefallen. Man schaut nicht mehr nur danach, ob ein Bild „schön“ oder „richtig“ gemalt ist, sondern interessiert sich dafür, was die Zeichnung über den Entwicklungsstand aussagen kann.
Spannend fand ich dabei vor allem, wie systematisch die Auswertung aufgebaut ist. Der MZT 4-7 arbeitet mit einem Menschzeichen-Index (MZI). Dieser wird als Standardwert angegeben und hat einen Mittelwert von 100 bei einer Standardabweichung von 15. Dadurch erinnert die Darstellung natürlich an die bekannte Logik von IQ-Werten. Für mich war es interessant zu sehen, wie aus den einzelnen Merkmalen der Zeichnung schließlich eine standardisierte Einschätzung entstehen kann.
Gerade beim eigenen Ausprobieren merkt man allerdings auch, dass eine solche Auswertung sorgfältig und nach den vorgegebenen Kriterien erfolgen muss. Es reicht eben nicht, aus dem Bauch heraus zu sagen: „Das Kind malt schon sehr detailliert, also ist es besonders weit entwickelt.“ Genau diese Objektivierung macht den Test für mich interessant. Die genaue Durchführung und die beschriebenen Auswertungsschritte helfen dabei, die eigene spontane Interpretation etwas zurückzunehmen.
Sehr hilfreich sind deshalb auch die Beispielkinder und ihre Zeichnungen, die im Buch vorgestellt werden. An konkreten Beispielen wird deutlich, wie die unterschiedlichen Menschzeichnungen betrachtet und interpretiert werden. Beim Lesen dieser Beispiele habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich zunächst eine ganz eigene Vermutung hatte und anschließend überrascht war, welche Aspekte bei der fachlichen Betrachtung tatsächlich eine Rolle spielen.
Das hat mir auch gezeigt, wie schnell Erwachsene Kinderzeichnungen falsch einschätzen können. Ein Bild muss nicht besonders kunstvoll aussehen, um entwicklungspsychologisch interessant zu sein. Und umgekehrt sagt eine besonders hübsche oder fantasievolle Zeichnung nicht automatisch alles über die Entwicklung eines Kindes aus.
Positiv empfinde ich außerdem, dass die Durchführung im Buch genau beschrieben wird. Dadurch bleibt der MZT 4-7 nicht bei einer theoretischen Erklärung stehen. Man bekommt vielmehr eine Vorstellung davon, wie der Test praktisch eingesetzt wird und wie die Dokumentation funktioniert. Der dazugehörige Protokoll- und Auswertungsbogen sorgt zusätzlich für eine übersichtliche Struktur.
Beim Durcharbeiten hatte ich deshalb zunehmend das Gefühl, dass dieses Buch weniger zum schnellen Durchlesen gedacht ist, sondern vor allem als fachliches Arbeits- und Nachschlagewerk funktioniert. Man beschäftigt sich mit der Durchführung, schaut sich Beispiele an, vergleicht und arbeitet sich Schritt für Schritt in die Systematik ein.
Besonders interessant finde ich den Altersbereich von vier bis sieben Jahren. In dieser Zeit machen Kinder gerade bei Sprache, Motorik, Wahrnehmung und Denken enorme Entwicklungsschritte. Die Menschzeichnung kann dabei einen ganz eigenen Zugang bieten, gerade wenn sprachliche Verfahren nicht im Vordergrund stehen sollen.
Mein persönlicher Eindruck nach dem Ausprobieren ist daher sehr positiv. Der MZT 4-7 hat meinen Blick auf Kinderzeichnungen tatsächlich verändert. Aus einem scheinbar einfachen gemalten Menschen wird plötzlich etwas, das man genauer betrachten kann. Gleichzeitig vermittelt das Buch, dass eine solche Betrachtung nicht auf spontanen Vermutungen beruhen sollte, sondern eine klare Durchführung und fachlich strukturierte Auswertung braucht.
Für mich ist der MZT 4-7 von Wolfgang Dahms deshalb ein interessantes und praxisorientiertes Fachbuch für alle, die sich professionell mit kindlicher Entwicklung, Entwicklungsdiagnostik oder Kinderzeichnungen beschäftigen. Wer bisher beim Anblick eines Kinderbildes hauptsächlich auf Farben, Kreativität und „sieht das schön aus?“ geachtet hat, wird nach der Beschäftigung mit diesem Test wahrscheinlich genauer hinschauen.
Und genau das fand ich bei meinem eigenen kleinen Praxistest am spannendsten: Man sieht danach eine Kinderzeichnung nicht unbedingt mit anderen Augen – aber man schaut anders hin.
- Herausgeber : modernes lernen
- Erscheinungstermin : 16. März 2026
- Auflage : New
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 108 Seiten
- ISBN-10 : 380800987X
- ISBN-13 : 978-3808009871
- Abmessungen : 21 x 1 x 29.5 cm
