
Wohin mit Franco? – Das Unbehagen in der spanischen Erinnerungskultur von Julia Schulz-Dornburg ist ein außergewöhnliches Sachbuch, das sich einem ebenso historischen wie aktuellen Thema widmet: dem Umgang mit den Relikten der Franco-Diktatur in Spanien.
Im Zentrum stehen dabei überraschende und zugleich verstörende Überbleibsel der Geschichte – insbesondere Reiterstandbilder von Francisco Franco, dem langjährigen spanischen Diktator. Diese Monumente sind nicht verschwunden, aber auch nicht sichtbar im öffentlichen Raum. Stattdessen fristen sie ein verborgenes Dasein in Depots, Militäranlagen oder stillgelegten Gebäuden. Genau dieser Zustand zwischen Bewahren, Verdrängen und Nicht-Entscheiden macht den Ausgangspunkt der Betrachtung aus.
Die Autorin begibt sich auf eine dokumentarische Reise zu diesen Orten. Dabei entsteht eine Art stille Chronik der Suche: Sie betrachtet die verbliebenen Denkmäler, beschreibt ihre Standorte und dokumentiert den oft widersprüchlichen Umgang mit ihnen. Mal wirken die Monumente grotesk überdimensioniert, mal beinahe vergessen, aber nie vollständig aus der Geschichte getilgt.
Das Buch beleuchtet dabei nicht nur die Objekte selbst, sondern vor allem die gesellschaftliche Haltung, die dahintersteht. Der Umgang mit diesen Symbolen zeigt, wie schwierig der Umgang mit einer belasteten Vergangenheit sein kann. Zwischen Bewahren als Mahnung, Entfernen als Befreiung und Verdrängen als vermeintlicher Ruhe entsteht ein Spannungsfeld, das bis heute nicht eindeutig gelöst ist.
Besonders interessant ist die Frage, die sich durch das gesamte Werk zieht: Was tun mit „toxischen“ Denkmälern? Soll man sie zerstören, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen, oder sie erhalten, um an sie zu erinnern? Diese Debatte wird nicht nur historisch geführt, sondern bekommt durch aktuelle internationale Diskussionen zusätzliche Relevanz.
Ergänzt wird der Band durch Fotografien der Autorin, die den dokumentarischen Charakter des Buches verstärken. Sie machen die beschriebenen Orte sichtbar und verleihen dem Thema eine zusätzliche, visuelle Ebene. Ein Vorwort von Paul Ingendaay sowie ein Essay der Historikerin Gesine Krüger erweitern den Blick um journalistische und wissenschaftliche Perspektiven und ordnen die Thematik in größere erinnerungspolitische Zusammenhänge ein.
Der Schreibstil ist ruhig, beobachtend und analytisch. Es geht weniger um persönliche Bewertung als um das genaue Hinsehen und Beschreiben. Dadurch entsteht ein distanzierter, aber gerade deshalb eindringlicher Zugang zu einem komplexen Thema.
Am Ende steht weniger eine eindeutige Antwort als vielmehr eine offene Frage: Wie geht eine Gesellschaft mit den sichtbaren und unsichtbaren Spuren ihrer Geschichte um?
Fazit: Wohin mit Franco? ist ein kluges, dokumentarisch geprägtes Sachbuch über Erinnerungskultur, Macht und den schwierigen Umgang mit historischen Symbolen. Es regt zum Nachdenken an und zeigt eindrucksvoll, dass Geschichte nicht nur in Archiven stattfindet, sondern auch im Raum – und in der Entscheidung, was sichtbar bleibt und was nicht.
- Herausgeber : Verlag Klaus Wagenbach GmbH
- Erscheinungstermin : 23. Oktober 2025
- Auflage : Standardausgabe
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 160 Seiten
- ISBN-10 : 3803137616
- ISBN-13 : 978-3803137616
- Originaltitel : Wohin mit Franco?
- Abmessungen : 2 x 16.4 x 24.1 cm
