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Rechtsstaat und Patriarchat: Eine Geschichte sexueller Gewalt in der Bundesrepublik 1973 bis 1997 von Rechtsstaat und Patriarchat: Eine Geschichte sexueller Gewalt in der Bundesrepublik 1973 bis 1997 ist kein Buch, das man mal eben nebenbei wegliest wie die Rückseite einer Müslipackung. Das hier ist eher ein kräftiger Kaffee fürs historische Bewusstsein – intensiv, aufrüttelnd und stellenweise ziemlich „Wie bitte, DAS war wirklich so?!“.
Autorin Hannah Catherine Davies schaut tief in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und zeigt, wie lange Frauen gegen sexuelle Gewalt, gesellschaftliches Wegschauen und juristische Steinzeitkämpfe anrennen mussten. Und zwar mit der Ausdauer von Menschen, die wirklich keinen Nerv mehr auf patriarchales „Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an“ hatten.
Heute kennt fast jeder die #MeToo-Bewegung. Seit 2017 wird viel über sexuelle Belästigung und Gewalt gesprochen. Aber das Buch erinnert daran, dass schon Jahrzehnte vorher Frauen laut geworden sind – nur eben ohne Hashtags, Instagram-Storys oder virale TikToks. Stattdessen gab’s Flugblätter, Demonstrationen, Diskussionen und einen gigantischen Berg aus Widerständen.
Und dieser Widerstand hatte es in sich. Die Aktivistinnen der Neuen Frauenbewegung mussten gegen uralte Vergewaltigungsmythen kämpfen, gegen eine Justiz, die oft mehr Zweifel an den Betroffenen hatte als an den Tätern, und gegen eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt gern unter den Teppich gekehrt hat. Wahrscheinlich unter denselben Teppich, unter dem auch „Das gehört sich nicht“ und „Darüber spricht man nicht“ lagen.
Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie Feministinnen Beratungsstellen gründeten, Schutzräume schufen und sich hartnäckig für Reformen im Sexualstrafrecht einsetzten. Und zwar nicht mal kurz für einen symbolischen Applaus, sondern über Jahrzehnte hinweg. Man merkt beim Lesen schnell: Fortschritt kam nicht plötzlich vom Himmel gefallen wie eine göttliche Gesetzes-PDF. Der wurde erkämpft. Laut, mühsam und oft gegen jede Menge Gegenwind.
Besonders krass: Erst 1997 wurde in Deutschland der Vergewaltigungsparagraph reformiert. Also wirklich erst 1997. Während andere europäische Länder längst weiter waren, diskutierte man hierzulande noch darüber, ob bestimmte Formen sexualisierter Gewalt überhaupt richtig ernst genommen werden sollten. Da fällt einem echt kurz die Kinnlade aufs Parkett.
Trotz des schweren Themas liest sich das Buch nicht wie trockene Gesetzestexte auf Beruhigungstabletten. Hannah Catherine Davies verbindet politische Geschichte, gesellschaftliche Entwicklungen und persönliche Kämpfe so spannend miteinander, dass man ständig denkt: „Warum weiß man darüber eigentlich so wenig?“
Das Buch macht außerdem deutlich, dass soziale Bewegungen unglaublich viel verändern können. Nicht sofort. Nicht ohne Rückschläge. Aber nachhaltig. Die Frauenbewegung hat nicht nur Gesetze beeinflusst, sondern auch Sprache, Wahrnehmung und gesellschaftliche Debatten verändert. Dinge, die früher verharmlost oder totgeschwiegen wurden, bekamen plötzlich Namen – und Öffentlichkeit.
Und genau darin liegt die große Stärke dieses Buches: Es zeigt Frauen nicht als Randfiguren der Geschichte, sondern als politische Akteurinnen mit Wut, Mut, Strategie und Durchhaltevermögen. Also als Menschen, die sich eben nicht damit zufriedengegeben haben, höflich still zu sein.
Kurz gesagt:
Ein kluges, wichtiges und teilweise erschütterndes Buch über Macht, Widerstand und gesellschaftlichen Wandel. Historisch spannend, politisch relevant und ein ziemlich deutlicher Reminder daran, dass viele Rechte nicht geschenkt wurden – sondern hart erkämpft werden mussten.
- Herausgeber : Hamburger Edition
- Erscheinungstermin : 24. November 2025
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 520 Seiten
- ISBN-10 : 3868548769
- ISBN-13 : 978-3868548761
- Abmessungen : 15.2 x 4.1 x 22 cm
