
Mit Die Clans aus al-Rashidiya legt der Sozialwissenschaftler Mahmoud Jaraba eine umfassende Analyse jener arabisch-kurdischen Großfamilien vor, die seit Jahrzehnten die Diskussion über organisierte Kriminalität in Deutschland prägen. Das im Verlag C.H. Beck erschienene Paperback zeichnet die Entwicklung bestimmter Familienverbände nach, deren Wurzeln im irakischen Dorf al-Rashidiya liegen und die seit den 1980er-Jahren in mehreren deutschen Städten ansässig wurden.
Jaraba beschreibt die historischen, sozialen und politischen Bedingungen, die zur Migration führten. Viele Familien kamen als Staatenlose oder Bürgerkriegsflüchtlinge, oft ohne gesicherten Aufenthaltsstatus und mit eingeschränktem Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt. Aus prekären Lebensverhältnissen, so die These des Autors, entwickelten sich in einzelnen Familienzweigen kriminelle Netzwerke, die sich über die Jahre professionalisierten. Dabei legt das Buch Wert auf Differenzierung: Nicht jede Familie aus al-Rashidiya ist kriminell, und selbst innerhalb einzelner Großfamilien existieren legale und illegale Lebenswege nebeneinander.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Generationsentwicklung. Während die erste Generation häufig von Fluchterfahrungen, Perspektivlosigkeit und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen geprägt war, wuchsen die nachfolgenden Generationen in Deutschland auf – zwischen Integrationsangeboten, Diskriminierungserfahrungen und familiären Loyalitätsstrukturen. Jaraba untersucht, wie sich traditionelle Ehrvorstellungen, patriarchale Hierarchien und familiäre Solidarität mit modernen, gewinnorientierten Formen organisierter Kriminalität verbinden. Dabei hinterfragt er zugleich das verbreitete Klischee einer vollständig abgeschotteten, monolithischen „Clanstruktur“.
Breiten Raum nimmt die Analyse konkreter Kriminalitätsfelder ein: von Drogenhandel und Schutzgelderpressung über Geldwäsche bis hin zu spektakulären Eigentumsdelikten. Als Beispiele werden unter anderem der Einbruch in das Grünes Gewölbe (2019) sowie der Diebstahl der 100-Kilogramm-Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum (2017) genannt. Jaraba analysiert jedoch weniger die Tatdetails als vielmehr die sozialen Netzwerke, die solche Taten ermöglichen: familiäre Bindungen, Verschwiegenheitsnormen, strategische Ehen und ökonomische Arbeitsteilung.
Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor der Rolle der Frauen. Entgegen dem gängigen Bild rein männlich dominierter Strukturen zeigt er, dass Frauen innerhalb der Familien teils zentrale Funktionen übernehmen – etwa in der Organisation legaler Geschäftsmodelle, in der Vermögensverwaltung oder als Vermittlerinnen bei innerfamiliären Konflikten. Gleichzeitig beschreibt er die Spannungen zwischen traditionellen Geschlechterrollen und individuellen Emanzipationsbestrebungen jüngerer Frauen.
Ein weiterer Aspekt ist die sogenannte „Paralleljustiz“ – interne Konfliktregelungen außerhalb staatlicher Gerichte. Jaraba erläutert, wie solche Mechanismen entstehen, welche kulturellen und pragmatischen Gründe sie haben und warum sie mit rechtsstaatlichen Prinzipien kollidieren. Dabei plädiert er für eine nüchterne Betrachtung: Repressive Maßnahmen allein reichten nicht aus, vielmehr müsse man soziale, rechtliche und integrationspolitische Versäumnisse der Vergangenheit mitdenken.
Das Buch versteht sich nicht als Sensationsreport, sondern als soziologische Langzeitstudie. Jaraba stützt sich auf Interviews, Feldforschung und jahrelange Beobachtung. Sein Ziel ist es, die Dynamik einer sich wandelnden Parallelgesellschaft zu erklären, ohne sie zu romantisieren oder pauschal zu verurteilen. So entsteht ein vielschichtiges Bild zwischen Kriminalität, Migrationserfahrung, familiärer Loyalität und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Die Clans aus al-Rashidiya richtet sich an Leserinnen und Leser, die jenseits medialer Schlagzeilen verstehen möchten, wie sich bestimmte kriminelle Milieus herausbilden – und warum einfache Erklärungen der komplexen Realität kaum gerecht werden.
- Herausgeber : C.H.Beck
- Erscheinungstermin : 13. Februar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 208 Seiten
- ISBN-10 : 3406843115
- ISBN-13 : 978-3406843112
- Abmessungen : 12.4 x 1.8 x 20.3 cm
