
„Zugwind“ – der eindrucksvolle Roman der ukrainischen Autorin Iryna Fingerova, ins Deutsche übertragen von Jakob Walosczyk – erzählt eine bewegende Geschichte über Verlust, Sehnsucht, Verantwortung und die Suche nach innerem Halt in einer Welt, die plötzlich aus den Fugen geraten ist. Es ist ein Roman über das Leben zwischen zwei Ländern, zwischen Hoffnung und Schmerz – und darüber, wie Menschen versuchen, inmitten von Chaos und Unsicherheit ihren eigenen Weg weiterzugehen.
Im Zentrum der Geschichte steht Mira Zehmann, eine junge Hausärztin, die viele Jahre zuvor ihre Heimatstadt Odesa verlassen hat, um in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter hat sie versucht, sich eine stabile Zukunft zu schaffen – fern von politischen Spannungen, mit dem Wunsch nach Sicherheit, beruflicher Erfüllung und einem normalen Familienalltag. Doch als in ihrer alten Heimat plötzlich Krieg ausbricht und Bomben fallen, wird diese scheinbare Stabilität erschüttert. Die Nachrichten, Bilder und Berichte aus der Ukraine reißen alte Erinnerungen auf und lassen Mira nicht mehr los.
Fingerova beschreibt mit großer emotionaler Feinfühligkeit, wie sich das Leben der Protagonistin schleichend verändert. Die Distanz zur Heimat wird plötzlich zur Belastung, das Gefühl von Schuld wächst: Warum lebt sie in Sicherheit, während Menschen aus ihrer Heimat leiden? Warum hat sie ihr Land verlassen? Diese Fragen begleiten Mira Tag für Tag und lassen sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Der „Zugwind“, von dem der Titel spricht, wird zu einem kraftvollen Symbol für die Unruhe und Zerrissenheit, die durch ihr Leben wehen.
Gleichzeitig wird Miras Hausarztpraxis zu einem Ort der Begegnung für Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen. Immer mehr ukrainische Patientinnen und Patienten suchen sie auf – nicht nur wegen medizinischer Hilfe, sondern auch wegen Trost, Verständnis und dem Gefühl, jemandem gegenüberzusitzen, der ihre Geschichte kennt. In diesen Begegnungen spiegelt sich die Erfahrung einer ganzen Gemeinschaft, die zwischen zwei Welten lebt: zwischen dem Alltag im Exil und der emotionalen Bindung an eine Heimat im Krieg.
Der Roman zeichnet ein eindrucksvolles Bild dieser inneren Zerrissenheit. Mira versucht, ihren Alltag weiterzuführen – als Ärztin, als Mutter, als Ehefrau. Doch die Ereignisse in der Ukraine drängen sich immer stärker in ihr Leben. Beziehungen geraten unter Druck, Zweifel wachsen, und selbst kleine Konflikte im Alltag erscheinen plötzlich in einem anderen Licht. Fingerova schildert diese Spannungen mit großer Authentizität und zeigt, wie schwer es sein kann, Normalität aufrechtzuerhalten, wenn das eigene Herz an einem Ort hängt, der von Gewalt erschüttert wird.
Besonders berührend ist die Reise, die Mira schließlich zurück in ihre Heimat antreten will. Sie spürt, dass sie nach Odesa zurückkehren muss – zu ihrer über neunzigjährigen Großmutter, zu den vertrauten Straßen, zum Meer und zu den Erinnerungen, die ihr Leben geprägt haben. Dieser Wunsch ist mehr als nur eine Reise in die Vergangenheit: Er ist der Versuch, Frieden mit sich selbst zu schließen und einen Teil ihrer Identität zurückzugewinnen.
Fingerova gelingt es meisterhaft, große politische Ereignisse mit den kleinen Momenten des Alltags zu verbinden. Es sind oft gerade die unscheinbaren Dinge – Gespräche mit Patienten, Erinnerungen an das Meer, ein Tanz mit Freunden oder ein stiller Moment in der Familie –, die Trost spenden und Hoffnung geben. Der Roman zeigt, dass selbst in Zeiten tiefster Unsicherheit menschliche Nähe, Mitgefühl und Erinnerungen eine Quelle der Stärke sein können.
„Zugwind“ ist damit nicht nur ein Roman über Krieg und Migration, sondern vor allem über die Widerstandskraft des menschlichen Herzens. Er erzählt von Menschen, die versuchen, ihr Leben weiterzuführen, obwohl die Welt um sie herum ins Wanken geraten ist. Die Geschichte erinnert daran, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern auch eine Verbindung aus Erinnerungen, Beziehungen und Emotionen.
Mit großer Sensibilität und erzählerischer Kraft schafft Iryna Fingerova ein literarisches Porträt einer Frau, die zwischen zwei Welten lebt und versucht, ihren Platz darin neu zu finden. „Zugwind“ ist ein stiller, zugleich kraftvoller Roman über Trauer, Hoffnung und die Suche nach Trost in den kleinen Dingen des Lebens – ein Buch, das berührt, nachdenklich macht und lange nach dem Lesen im Herzen bleibt.
- Herausgeber : Rowohlt Hardcover
- Erscheinungstermin : 20. Februar 2026
- Auflage : 2.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 304 Seiten
- ISBN-10 : 3498008005
- ISBN-13 : 978-3498008000
- Abmessungen : 13.3 x 2.6 x 21 cm
