
So voller Leben: Über meine Mutter von Pascale Hugues ist ein sehr persönliches, feinfühliges Buch, das sich leise, aber eindringlich einem schwierigen Thema nähert: der bipolaren Störung ihrer Mutter – und gleichzeitig einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte.
Im Zentrum steht Yvette, eine Frau, deren Leben von Gegensätzen geprägt ist. Geboren 1929 im elsässischen Colmar, wächst sie in einer Zeit großer Umbrüche auf. Schon ihre Kindheit ist von Erwartungen und Zwängen geprägt – sie wird beispielsweise gezwungen, entgegen ihrer natürlichen Veranlagung mit rechts zu schreiben. Auch die politischen Umstände im kriegsgeschüttelten Elsass hinterlassen Spuren: Nationalität, Sprache und Identität wechseln mehrfach. Dieses ständige „Zwischen den Welten“ wird zu einem prägenden Motiv ihres Lebens.
Später zeigt sich Yvette als Frau voller Widersprüche und Facetten. Sie bewegt sich zwischen bürgerlicher Welt und Aufbruch, zwischen Anpassung und Rebellion, zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichem Freiheitsdrang. Genau diese Gegensätze spiegeln sich auch in ihrer psychischen Erkrankung wider. Die bipolare Störung wird hier nicht isoliert betrachtet, sondern in den Kontext eines ganzen Lebens gestellt – mit all seinen Brüchen, Stärken und Verletzlichkeiten.
Besonders berührend ist der Blick der Tochter Pascale Hugues. Als Kind versteht sie nicht, warum ihre Mutter plötzlich verschwindet, warum Phasen der Fürsorge und Nähe von langen Abwesenheiten unterbrochen werden. Die Krankheit wird in der Familie verschwiegen, wie es in vielen Familien dieser Zeit üblich war. Psychische Erkrankungen sind ein Tabuthema, über das nicht gesprochen wird – und genau dieses Schweigen prägt die Erinnerung.
Mit diesem Buch begibt sich die Autorin auf eine behutsame Spurensuche. Sie versucht, die Lücken zu füllen, die ihr damals nicht erklärt wurden, und ihre Mutter neu zu verstehen. Dabei entsteht kein nüchternes Porträt, sondern eine sehr persönliche Annäherung voller Empathie. Es geht weniger darum, zu erklären oder zu bewerten, sondern darum, zu fühlen und zu verstehen.
Der Schreibstil ist ruhig, klar und sehr einfühlsam. Pascale Hugues gelingt es, persönliche Erinnerungen mit historischen und gesellschaftlichen Kontexten zu verbinden. Dadurch wird deutlich, wie sehr individuelle Lebensgeschichten auch von ihrer Zeit geprägt sind – und wie wenig Raum es damals für Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen gab.
Trotz der Schwere des Themas ist das Buch nicht nur traurig. Immer wieder blitzt auch Lebensfreude auf, Humor, Stärke und die besondere Energie von Yvette. Genau diese Mischung macht den Titel so besonders: Schmerz und Lebendigkeit existieren hier nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu verdrängen.
Am Ende bleibt ein sehr menschliches Bild zurück – das einer Mutter, die trotz Krankheit voller Leben war, und einer Tochter, die versucht, dieses Leben rückblickend zu verstehen und einzuordnen.
Fazit: So voller Leben ist eine berührende, literarisch fein erzählte Spurensuche über Familie, Erinnerung und psychische Erkrankung. Ein stilles, aber kraftvolles Buch, das lange nachwirkt und den Blick auf das Unsichtbare im Leben schärft.
- Herausgeber : Rowohlt Hardcover
- Erscheinungstermin : 13. März 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 208 Seiten
- ISBN-10 : 3498008455
- ISBN-13 : 978-3498008451
- Originaltitel : Si pleine de vie
- Abmessungen : 13.2 x 2.1 x 21 cm
