/ September 29, 2026/ Buch

Manchmal liest man ein Sachbuch und denkt nach der letzten Seite: Interessant, wieder etwas gelernt. Und dann gibt es Bücher, bei denen man zwischendurch innehält und sich fragt: „Moment mal … kommt mir das nicht erschreckend bekannt vor?“ Genau dieses Gefühl hatte ich bei „Ökonomie der Angst: Die Rückkehr des nervösen Zeitalters“ von Oliver Rathkolb.

Schon der Titel hat mich neugierig gemacht, aber vor allem die Verbindung zwischen Wirtschaft, Politik, gesellschaftlicher Unsicherheit und der Angst der Menschen hat mich gepackt. Denn Angst ist ja längst kein abstrakter Begriff mehr. Sie begegnet uns im Alltag – beim Blick auf die Nachrichten, bei steigenden Kosten, politischen Konflikten, Kriegen, technologischen Veränderungen und der Frage, was eigentlich morgen sein wird. Vieles verändert sich so schnell, dass man manchmal kaum noch hinterherkommt. Und genau hier setzt Rathkolb an.

Was ich an diesem Buch besonders spannend finde, ist der Blick zurück in die Geschichte. Rathkolb stellt die heutige Zeit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gegenüber und zeigt Parallelen zwischen der damaligen ersten Turboglobalisierung und unserer heutigen zweiten Turboglobalisierung. Politische Umwälzungen, wirtschaftliche Krisen und neue Technologien treffen auf Gesellschaften, die mit diesen Veränderungen teilweise überfordert sind. Das klingt zunächst nach Geschichte – beim Lesen wird aber ziemlich schnell deutlich, wie aktuell diese Gedanken sind.

Und genau das macht das Buch für mich so beklemmend.

Denn es geht nicht einfach nur um Wirtschaft. Es geht um das Lebensgefühl einer Gesellschaft. Um Menschen, die das Gefühl bekommen, die Kontrolle zu verlieren. Um diejenigen, die wirtschaftlich oder gesellschaftlich nicht mehr mithalten können und sich zunehmend abgehängt fühlen. Und natürlich auch darum, was passiert, wenn Angst und Unsicherheit irgendwann stärker werden als Vertrauen und Zuversicht.

Rathkolb beschreibt, wie in solchen Situationen Radikalisierung, Autoritarismus, Xenophobie und die Sehnsucht nach einfachen Antworten an Bedeutung gewinnen können. Besonders nachdenklich gemacht hat mich dabei der Gedanke, dass komplexe Probleme plötzlich nach möglichst einfachen Lösungen verlangen. Je unsicherer die Zeiten werden, desto verlockender kann offenbar der Ruf nach einem „starken Mann“ sein, der verspricht, endlich aufzuräumen und alles wieder überschaubar zu machen.

Das ist ein Gedanke, bei dem ich beim Lesen tatsächlich etwas länger hängen geblieben bin.

Denn mal ehrlich: Wer kennt nicht dieses Bedürfnis, in unübersichtlichen Zeiten endlich jemanden zu sehen, der klare Antworten gibt? Genau darin liegt aber auch die Gefahr. Wo komplizierte Zusammenhänge auf einfache Schuldzuweisungen reduziert werden, ist der Schritt zu Ausgrenzung und aggressiven politischen Lösungen nicht unbedingt weit.

Besonders gelungen finde ich deshalb, dass „Ökonomie der Angst“ nicht einfach nur aktuelle Ängste aufzählt, sondern versucht, ihre historischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge sichtbar zu machen. Rathkolb verbindet Geschichte, Politik, Ökonomie und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander und fordert den Leser damit durchaus heraus.

Das Buch ist keine leichte Lektüre für zwischendurch. Dafür sind die Themen zu ernst und die Zusammenhänge zu komplex. Aber genau das empfinde ich gleichzeitig als Stärke. Hier wird nicht alles auf ein paar griffige Schlagworte heruntergebrochen. Stattdessen bekommt der Leser Denkanstöße, die noch lange nach dem Lesen weiterarbeiten.

Ich habe mich beim Lesen immer wieder dabei ertappt, aktuelle Entwicklungen mit den beschriebenen historischen Zusammenhängen zu vergleichen. Nicht, weil Geschichte sich einfach wiederholt – das wäre viel zu kurz gegriffen –, sondern weil bestimmte gesellschaftliche Mechanismen offenbar erstaunlich vertraut wirken können.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Buches: Angst entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hat wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Ursachen. Wenn Menschen dauerhaft das Gefühl haben, dass ihnen die Kontrolle über ihr eigenes Leben entgleitet, kann daraus Frust entstehen. Aus Frust kann Polarisierung werden. Und aus Polarisierung können Entwicklungen entstehen, die eine demokratische Gesellschaft irgendwann vor ganz neue Herausforderungen stellen.

„Ökonomie der Angst: Die Rückkehr des nervösen Zeitalters“ ist deshalb für mich ein ausgesprochen aktuelles und nachdenkliches Sachbuch. Es erklärt nicht einfach nur, warum unsere Zeit so nervös wirkt, sondern stellt die unangenehme Frage, wohin eine Gesellschaft geraten kann, wenn Unsicherheit, wirtschaftlicher Druck und politische Polarisierung immer weiter zunehmen.

Ich fand die Lektüre stellenweise durchaus beunruhigend – aber gerade deshalb wichtig. Dieses Buch beruhigt nicht unbedingt. Es macht vielmehr aufmerksam. Und manchmal ist genau das bei einem Sachbuch die wertvollste Wirkung überhaupt.

Wer sich für Wirtschaft, Geschichte, Politik, Globalisierung, gesellschaftliche Veränderungen und die Ursachen von Radikalisierung interessiert, bekommt hier reichlich Stoff zum Nachdenken. Für mich ist es vor allem ein Buch über ein Gefühl, das viele Menschen kennen: dieses leise, manchmal auch ziemlich deutliche Gefühl, dass sich gerade etwas verändert und man noch nicht weiß, wohin die Reise geht.

Und genau deshalb bleibt nach der letzten Seite vor allem eine Frage im Kopf: Stehen wir tatsächlich vor einem neuen autoritären Zeitalter – oder schaffen wir es, aus der Geschichte rechtzeitig zu lernen?

  • Herausgeber ‏ : ‎ Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 30. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 304 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3222151539
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3222151538
  • Abmessungen ‏ : ‎ 17.6 x 3.4 x 24.3 cm

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