/ August 31, 2026/ Buch

„Überleben ist kein Zufall!“ – dieser Satz bleibt nach der Lektüre von „Psychologie der Eigensicherung“ von Uwe Füllgrabe tatsächlich im Kopf. Denn wenn wir an Selbstschutz und Eigensicherung denken, haben viele wahrscheinlich zuerst körperliche Stärke, Kampfsport oder bestimmte Abwehrtechniken vor Augen. Dieses Buch zeigt sehr eindrucksvoll, dass das allein längst nicht ausreicht.

Im Mittelpunkt steht die psychologische Eigensicherung – also die Fähigkeit, gefährliche Situationen möglichst früh zu erkennen, Gefahren zu vermeiden, angemessen darauf zu reagieren und im Ernstfall die eigenen Überlebenschancen zu erhöhen.

Gerade für Menschen, die beruflich regelmäßig mit schwierigen oder gefährlichen Situationen konfrontiert werden, ist dieses Thema von enormer Bedeutung. Aber auch darüber hinaus enthält das Buch Gedanken und praktische Hinweise, die im Alltag hilfreich sein können.

Eigensicherung beginnt im Kopf

Was mich an diesem Buch besonders anspricht, ist die Erkenntnis, dass Überlebensfähigkeit nicht ausschließlich eine Frage körperlicher Fitness ist.

Natürlich können körperliche Fähigkeiten und beispielsweise Kampfsportkenntnisse in bestimmten Situationen hilfreich sein. Doch was bringt die beste Technik, wenn eine Gefahr zu spät erkannt wird, man in einer Situation völlig überrascht wird oder die eigene Reaktion durch Angst und Schock blockiert wird?

Genau hier setzt Uwe Füllgrabe an.

Survivability – also Überlebensfähigkeit – setzt sich aus unterschiedlichen Faktoren zusammen. Dazu gehören Wissen und Fähigkeiten, aber eben auch innere Einstellungen, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und psychologische Reaktionen.

Das macht das Thema so interessant: Eigensicherung beginnt nicht erst in dem Moment, in dem ein Angriff stattfindet. Sie beginnt viel früher.

Wer Gefahren rechtzeitig wahrnimmt, Situationen richtig einschätzt und sich mental auf mögliche Entwicklungen vorbereitet, kann unter Umständen ganz anders reagieren als jemand, der völlig unvorbereitet getroffen wird.

Realistischer Optimismus statt falscher Sicherheit

Besonders gelungen finde ich die Haltung, die das Buch vermittelt: einen realistischen Optimismus.

Es geht nicht darum, Gefahr zu unterschätzen oder sich einzureden, dass schon nichts passieren wird. Gleichzeitig möchte das Buch aber auch keine Angst erzeugen.

Stattdessen vermittelt es die wichtige Botschaft, dass Menschen auch in schwierigen Situationen häufig mehr Handlungsmöglichkeiten haben, als sie zunächst glauben.

Das finde ich einen ausgesprochen wertvollen Ansatz.

Denn Angst kann lähmen. Wer jedoch weiß, wie bestimmte psychologische Reaktionen funktionieren und welche Möglichkeiten man in einer Gefahrensituation grundsätzlich hat, kann möglicherweise besser mit dem Stress umgehen.

Gerade die Auseinandersetzung mit solchen Reaktionen kann helfen, sich mental vorzubereiten.

Was passiert, wenn plötzlich alles anders ist?

Gefahrensituationen laufen selten so ab, wie man sie sich vorher vorgestellt hat.

Eine Situation kann innerhalb weniger Sekunden eskalieren. Die Wahrnehmung verändert sich, Stress steigt an und der Körper reagiert automatisch. In solchen Momenten kann es passieren, dass Menschen nicht so handeln, wie sie es sich theoretisch vorgenommen haben.

Das Buch beschäftigt sich deshalb auch mit den psychologischen Mechanismen hinter menschlichem Verhalten in Gefahrensituationen.

Besonders interessant ist dabei die Schockstarre. Dieses Phänomen zeigt, dass Angst und Stress nicht bei jedem Menschen automatisch zu Flucht oder Gegenwehr führen. Manchmal kann der Körper geradezu blockieren.

Zu verstehen, dass solche Reaktionen grundsätzlich möglich sind, ist bereits ein wichtiger Schritt. Denn nur wer die eigenen Reaktionen kennt, kann sich auch gezielt auf schwierige Situationen vorbereiten.

Praxisnah statt reine Theorie

Uwe Füllgrabe verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit Beispielen aus der polizeilichen Praxis. Dadurch bleibt die Darstellung nicht abstrakt.

Man bekommt nicht einfach eine theoretische Abhandlung über Psychologie, sondern kann nachvollziehen, wie psychologische Faktoren in realen Gefahrensituationen eine Rolle spielen können.

Das macht das Buch meiner Meinung nach besonders anschaulich.

Ergänzt wird die Darstellung durch Hinweise, Tipps und Übungen für das Training der Eigensicherung. Damit wird aus dem Buch mehr als ein reines Lesebuch. Es kann gleichzeitig als Grundlage dienen, um sich mit dem eigenen Verhalten und der eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen.

Auch neue Gefahrensituationen werden berücksichtigt

Die mittlerweile 11. Auflage greift zusätzliche Themen auf, die für die praktische Eigensicherung relevant sind.

Dazu gehören unter anderem:

Eigensicherung in der Nacht
die Bewältigung eines Messerangriffs
die Bewältigung der Schockstarre

Gerade der Bereich der nächtlichen Eigensicherung ist interessant, weil sich die Wahrnehmung und Einschätzung von Situationen bei Dunkelheit erheblich verändern können.

Auch Messerangriffe stellen eine besondere Gefährdung dar. Das Buch beschäftigt sich damit nicht nur aus körperlicher, sondern insbesondere aus psychologischer Sicht.

Und schließlich ist die Auseinandersetzung mit der Schockstarre ein wichtiger Bestandteil, weil sie zeigt, dass Eigensicherung eben nicht nur aus körperlicher Reaktion besteht.

Für wen ist dieses Buch interessant?

Die klassische Zielgruppe sind natürlich Menschen, die beruflich mit Gefahrensituationen umgehen müssen.

Dazu zählen insbesondere:

Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte
Personenschützerinnen und Personenschützer
Werkschutzpersonal
Angehörige der Justiz
Personal in psychiatrischen Kliniken
Feuerwehrleute
Rettungskräfte

Gerade angesichts zunehmender Angriffe auf Einsatz- und Rettungskräfte ist die Beschäftigung mit Eigensicherung ausgesprochen wichtig.

Aber das Buch geht noch darüber hinaus.

Auch für Menschen, die privat mit Bedrohungen oder schwierigen Situationen konfrontiert sein können, können die Inhalte interessant sein. Dazu gehören beispielsweise Stalking, Drohanrufe, Machtspiele oder Mobbing im beruflichen Umfeld.

Selbst beim Trekking oder bei anderen Aktivitäten, bei denen man sich in Situationen mit erhöhtem Risiko begeben kann, kann die psychologische Vorbereitung eine Rolle spielen.

Und auch ältere Menschen können von bestimmten Gedanken zur Wahrnehmung und Einschätzung von Gefahrensituationen profitieren.

Ein anderer Blick auf Selbstschutz

Was mir an „Psychologie der Eigensicherung“ besonders gefällt, ist der Perspektivwechsel.

Selbstschutz bedeutet eben nicht automatisch: stärker sein, schneller zuschlagen oder eine möglichst spektakuläre Kampftechnik beherrschen.

Manchmal kann die wichtigste Fähigkeit darin bestehen, eine Gefahr überhaupt rechtzeitig zu erkennen und ihr aus dem Weg zu gehen.

Das klingt zunächst vielleicht unspektakulär – kann aber in einer realen Gefahrensituation entscheidend sein.

Auch die eigene innere Einstellung spielt eine wichtige Rolle. Wer davon ausgeht, dass er ohnehin keine Chance hat, kann möglicherweise schneller handlungsunfähig werden. Wer dagegen realistisch davon ausgeht, verschiedene Möglichkeiten zu haben, kann unter Umständen besser reagieren.

Dabei geht es nicht um Heldenmut. Ganz im Gegenteil: Gute Eigensicherung bedeutet häufig gerade, unnötige Risiken zu vermeiden.

Mein Fazit

„Psychologie der Eigensicherung: Überleben ist kein Zufall“ von Uwe Füllgrabe ist ein ausgesprochen interessantes und praxisnahes Buch über einen Bereich, über den wahrscheinlich viele Menschen viel zu selten nachdenken.

Besonders überzeugend finde ich die Verbindung von Psychologie, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen aus der polizeilichen Praxis.

Das Buch macht deutlich, dass Überlebensfähigkeit aus weit mehr besteht als aus körperlicher Fitness. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Wissen, innere Einstellung und der Umgang mit Stress können eine ebenso wichtige Rolle spielen.

Die 11. Auflage erweitert die Themen unter anderem um die Eigensicherung bei Nacht, Messerangriffe und die Schockstarre und bleibt damit nah an den Herausforderungen, denen Einsatzkräfte und andere gefährdete Berufsgruppen begegnen können.

Mein persönlicher Eindruck: Ein Buch, das nicht unnötig Angst macht, sondern Wissen vermittelt. Und genau das finde ich bei diesem Thema besonders wertvoll.

Denn man kann nicht jede Gefahr vorhersehen. Aber man kann lernen, Gefahren besser wahrzunehmen, Situationen realistischer einzuschätzen und sich mental auf schwierige Momente vorzubereiten.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Buches:

Überleben ist tatsächlich nicht nur Glück – ein Teil davon lässt sich lernen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Richard Boorberg Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 20. Juli 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 11., aktualisierte und erweiterte
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 342 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3415079228
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3415079229
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.2 x 2 x 20.6 cm

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