/ August 31, 2026/ Buch

Der Schritt in ein eigenständiges Leben ist für viele junge Menschen eine aufregende, manchmal aber auch schwierige Phase. Ausbildung beginnen, eine eigene Wohnung finden, finanzielle Verantwortung übernehmen, Beziehungen gestalten und plötzlich viele Entscheidungen selbst treffen – der Übergang ins Erwachsenenleben bringt ohnehin zahlreiche Herausforderungen mit sich.

Für junge Menschen, die zuvor Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe erhalten haben, kann dieser Übergang noch einmal deutlich komplexer sein. Genau hier setzt das Lehr- und Praxishandbuch „Leaving Care: Übergänge gestalten und begleiten“ an.

Der von Prof. Dr. Torsten Linke und Jens Borchert herausgegebene Band beschäftigt sich mit den sogenannten Leaving-Care-Prozessen – also mit den Übergängen junger Menschen aus einer Unterstützungsform der Kinder- und Jugendhilfe in ein möglichst selbstständiges Leben.

Und genau dieser Übergang verdient meiner Meinung nach wesentlich mehr Aufmerksamkeit.

Wenn Unterstützung plötzlich endet

Für junge Menschen, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder anderen Unterstützungsangeboten aufgewachsen sind, kann der Start in die Selbstständigkeit eine besondere Herausforderung darstellen.

Während andere junge Erwachsene vielleicht noch über längere Zeit auf die Unterstützung ihrer Familie zurückgreifen können, stehen Care Leaver häufig vor der Situation, innerhalb relativ kurzer Zeit selbstständig funktionieren zu müssen.

Wohnungssuche, Ausbildung oder Studium, Behördenangelegenheiten, Finanzen, Gesundheit, soziale Beziehungen und die eigene Lebensplanung – plötzlich kommen zahlreiche Aufgaben zusammen.

Dabei darf man nicht vergessen: Selbstständigkeit bedeutet nicht automatisch, dass man keine Unterstützung mehr braucht.

Genau hier setzt das Buch an.

Es betrachtet Leaving Care nicht als einen einzelnen Moment, an dem eine Hilfe endet, sondern als einen Prozess, der vorbereitet, gestaltet und begleitet werden sollte.

Übergänge sind mehr als ein Datum

Besonders gelungen finde ich den Gedanken, dass ein Übergang in ein eigenständiges Leben nicht einfach mit einem bestimmten Geburtstag oder dem Ende einer Jugendhilfemaßnahme abgeschlossen ist.

Vielmehr handelt es sich um einen längeren Entwicklungsprozess.

Junge Menschen müssen Schritt für Schritt lernen, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Gleichzeitig brauchen sie dabei verlässliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sowie Strukturen, die ihnen Sicherheit geben.

Das bedeutet für die Soziale Arbeit eine anspruchsvolle Aufgabe.

Es geht darum, junge Menschen nicht einfach aus einem Hilfesystem zu entlassen, sondern sie dabei zu unterstützen, eigene Perspektiven zu entwickeln und ihren Übergang aktiv mitzugestalten.

Ein multiperspektivischer Blick

Was dieses Buch besonders interessant macht, ist seine multiperspektivische Herangehensweise.

Leaving Care ist schließlich kein Thema, das nur aus einer einzigen Sicht betrachtet werden kann.

Es betrifft die jungen Menschen selbst, aber ebenso Fachkräfte der Sozialen Arbeit, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Behörden und weitere Akteurinnen und Akteure.

Jede Perspektive bringt andere Erfahrungen und Fragestellungen mit.

Für die Fachpraxis bedeutet das, die Situation eines jungen Menschen nicht nur unter dem Gesichtspunkt der bisherigen Hilfe zu betrachten. Vielmehr müssen auch seine persönlichen Wünsche, Ressourcen, Beziehungen, Bildungswege und Zukunftsvorstellungen berücksichtigt werden.

Genau diese unterschiedlichen Perspektiven machen den Themenbereich so komplex – und gleichzeitig so wichtig.

Was bedeutet eigentlich ein „gelungener“ Übergang?

Eine spannende Frage, die sich beim Thema Leaving Care automatisch stellt, lautet:

Wann ist ein Übergang eigentlich gelungen?

Ist es schon ein Erfolg, wenn ein junger Mensch eine eigene Wohnung hat? Wenn eine Ausbildung begonnen wurde? Wenn finanzielle Angelegenheiten selbstständig geregelt werden?

Natürlich sind solche Dinge wichtig. Aber ein wirklich gelungener Übergang umfasst meiner Meinung nach wesentlich mehr.

Es geht auch um soziale Beziehungen, Selbstvertrauen, Stabilität, Teilhabe und die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Denn das Leben verläuft selten nach Plan. Auch nach dem Auszug aus einer Einrichtung können Probleme auftreten. Eine Ausbildung kann scheitern, eine Wohnung verloren gehen, Beziehungen können zerbrechen oder finanzielle Schwierigkeiten entstehen.

Deshalb ist es so wichtig, jungen Menschen nicht nur kurzfristig zu helfen, sondern ihnen auch Strategien und Ressourcen für die Zukunft mitzugeben.

Ein Lehrbuch für das Studium – und ein Handbuch für die Praxis

Der Band richtet sich ausdrücklich sowohl an Studierende der Sozialen Arbeit als auch an Fachkräfte aus der Praxis.

Für Studierende bietet das Buch wichtige Grundlagen und ermöglicht einen strukturierten Einstieg in ein Themenfeld, das in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.

Für Praktikerinnen und Praktiker ist der Band vor allem deshalb interessant, weil er den theoretischen Hintergrund mit Fragen der konkreten Begleitung verbindet.

Damit eignet sich das Buch nicht nur zum Lernen für eine Prüfung oder zum Nachschlagen einzelner Fachbegriffe. Es kann auch dazu anregen, die eigene Praxis kritisch zu hinterfragen:

Wie gestalten wir Übergänge? Wo liegen mögliche Stolpersteine? Welche Unterstützung brauchen junge Menschen tatsächlich? Und wie können Fachkräfte dazu beitragen, dass aus einem Hilfeende ein möglichst gut vorbereiteter Schritt in die Selbstständigkeit wird?

Die jungen Menschen im Mittelpunkt

Ein Punkt ist für mich bei diesem Thema besonders wichtig: Leaving Care sollte nicht ausschließlich aus Sicht der Institutionen betrachtet werden.

Im Mittelpunkt stehen die jungen Menschen selbst.

Sie haben eigene Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Vorstellungen von ihrer Zukunft. Eine gute Begleitung muss deshalb mehr sein als das Abarbeiten organisatorischer Schritte.

Es geht darum, junge Menschen ernst zu nehmen, ihre Selbstständigkeit zu fördern und ihnen gleichzeitig die notwendige Unterstützung zu geben.

Das klingt vielleicht selbstverständlich – ist in der praktischen Arbeit aber durchaus anspruchsvoll.

Denn zwischen „alles abnehmen“ und „jetzt musst du es alleine schaffen“ liegt ein großer Bereich sinnvoller pädagogischer Begleitung.

Genau diesen Übergang professionell zu gestalten, gehört zu den zentralen Herausforderungen der Sozialen Arbeit.

Warum das Thema so wichtig ist

Das Thema Leaving Care hat eine gesellschaftliche Bedeutung, die weit über die Kinder- und Jugendhilfe hinausgeht.

Junge Menschen, die Unterstützung beim Übergang ins Erwachsenenleben erhalten haben, sollen selbstverständlich die gleichen Möglichkeiten bekommen, ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

Dafür braucht es nicht nur individuelle Unterstützung, sondern auch passende Rahmenbedingungen.

Ein gelungener Übergang kann dazu beitragen, Bildungs- und Teilhabechancen zu verbessern, soziale Stabilität zu fördern und jungen Menschen langfristig mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Umgekehrt können schlecht vorbereitete oder zu früh beendete Unterstützungsprozesse bestehende Schwierigkeiten verstärken.

Das macht deutlich, warum Leaving Care nicht als Randthema der Sozialen Arbeit verstanden werden sollte.

Mein Fazit

„Leaving Care: Übergänge gestalten und begleiten“ ist ein wichtiges und sehr praxisrelevantes Lehr- und Handbuch für ein Themenfeld, das lange Zeit vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.

Besonders positiv finde ich den multiperspektivischen Blick auf die Übergänge junger Menschen aus der Kinder- und Jugendhilfe. Dadurch wird deutlich, wie komplex dieser Prozess tatsächlich ist und warum es nicht ausreicht, Unterstützung einfach zu beenden, sobald eine bestimmte Altersgrenze erreicht ist.

Der Band verbindet wichtige Grundlagen mit Einblicken in die berufliche Praxis und eignet sich dadurch sowohl für Studierende der Sozialen Arbeit als auch für Fachkräfte, die junge Menschen beim Übergang in ein selbstständiges Leben begleiten.

Für mich bleibt vor allem eine Erkenntnis hängen:

Erwachsenwerden ist ein Prozess – und niemand sollte erwarten, dass junge Menschen plötzlich am Ende einer Jugendhilfemaßnahme alle Herausforderungen des Lebens alleine bewältigen können.

Leaving Care bedeutet deshalb nicht einfach Abschied von der Jugendhilfe. Es bedeutet vielmehr, Übergänge so zu gestalten, dass junge Menschen die Chance bekommen, ihren eigenen Weg selbstbestimmt und möglichst stabil weiterzugehen.

Ein lesenswertes Fachbuch für alle, die in der Sozialen Arbeit mit jungen Menschen arbeiten oder sich im Studium intensiver mit diesem wichtigen Thema beschäftigen möchten.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Barbara Budrich
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 16. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 266 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3847434020
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3847434023
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.8 x 1.7 x 21 cm

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