
Es gibt Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass sie ein Thema berühren, für das es eigentlich kaum die richtigen Worte gibt. „Flieg, kleiner Bruder“ von Maria Vohn gehört für mich genau in diese Kategorie. Das Bilderbuch beschäftigt sich mit dem Verlust eines ungeborenen Kindes und damit, was passiert, wenn aus der großen Vorfreude auf ein neues Familienmitglied plötzlich Trauer wird. Ein schwieriges Thema, das hier sehr behutsam und kindgerecht erzählt wird.
Die Geschichte beginnt mit einer Situation, die für eine Familie zunächst voller Vorfreude ist. Alle warten auf den kleinen Bruder, und auch das große Geschwisterkind freut sich darauf, endlich jemanden an seiner Seite zu haben. Doch dann wird es plötzlich still. Die Herztöne des Babys sind nicht mehr zu hören, Mama muss ins Krankenhaus und innerhalb kürzester Zeit verändert sich die ganze Lebenssituation der Familie.
Was ich an diesem Buch besonders berührend finde, ist, dass nicht nur die Eltern und ihre Trauer im Mittelpunkt stehen. Auch der große Bruder erlebt den Verlust. Für Kinder ist es schließlich nicht weniger real, nur weil sie die Situation vielleicht anders verstehen als Erwachsene. Er hat sich auf seinen kleinen Bruder gefreut, hatte vermutlich eigene Vorstellungen davon, wie das Leben mit ihm sein wird – und plötzlich ist dieses Kind nicht mehr da.
Genau diese kindliche Perspektive macht „Flieg, kleiner Bruder“ für mich so wertvoll. Das Buch zeigt, dass auch Geschwister trauern dürfen und dass ihre Gefühle Raum brauchen. Gleichzeitig vermittelt die Geschichte, dass Trauer nicht bedeutet, dass das verlorene Kind einfach vergessen wird. Der kleine Bruder darf weiterhin ein Teil der Familie sein – auf eine andere, stille Weise.
Eine wichtige Rolle übernimmt dabei Mamas Freundin Nele. Sie ist für den großen Bruder da, wenn Mama und Papa selbst so traurig sind, dass ihnen manchmal die Kraft fehlt. Sie hört zu, tröstet ihn, bringt Normalität in den Alltag, lacht mit ihm und geht mit ihm Eis essen. Gerade diese kleinen Momente gefallen mir sehr. Denn Trauer besteht nicht ausschließlich aus Tränen. Kinder dürfen zwischendurch auch lachen, spielen, essen, erzählen und einfach Kind sein. Das eine schließt das andere nicht aus.
Diese Botschaft empfinde ich als besonders schön und gleichzeitig lebensnah. Wenn ein Sternenkind eine Familie verlässt, ist die Trauer der Eltern natürlich sehr groß. Aber auch Geschwister, Großeltern und andere Familienmitglieder können betroffen sein. Jeder Mensch geht anders mit dem Verlust um. „Flieg, kleiner Bruder“ zeigt auf behutsame Weise, dass es dabei kein richtiges oder falsches Gefühl gibt.
Auch sprachlich scheint mir das Buch bewusst zurückhaltend gestaltet. Die sanften Worte lassen Platz für die eigenen Gedanken und Gefühle, anstatt alles erklären oder mit möglichst vielen Worten beschreiben zu wollen. Das finde ich gerade bei einem Bilderbuch über ein Sternenkind sehr passend. Manchmal braucht es eben keine langen Erklärungen, sondern eine Geschichte, die einfach sagt: Du darfst traurig sein. Du darfst dich erinnern. Und du darfst trotzdem irgendwann wieder lachen.
Die Illustrationen von Francis Kaiser ergänzen diese ruhige und gefühlvolle Erzählweise. Gerade bei einem so sensiblen Thema können Bilder sehr viel ausdrücken, ohne dass alles ausgesprochen werden muss. Das Zusammenspiel aus Text und Bildern macht das Buch deshalb zu einer Geschichte, die man gemeinsam anschauen und besprechen kann.
Für Familien mit einem Sternenkind kann ein solches Bilderbuch eine Möglichkeit sein, einen sehr schmerzhaften Verlust überhaupt erst einmal in Worte zu fassen. Aber auch für Menschen aus dem Umfeld kann es hilfreich sein, besser zu verstehen, was eine Familie nach dem Verlust eines Babys erlebt. Besonders wichtig finde ich dabei den Gedanken, dass das verstorbene Kind weiterhin einen Platz in der Familiengeschichte haben darf.
„Flieg, kleiner Bruder“ ist für mich deshalb kein klassisches Bilderbuch, das man einfach nebenbei vorliest. Es ist ein Buch für einen besonderen Moment, für Gespräche und vielleicht auch für stille Minuten, in denen nicht viel gesagt werden muss. Es nimmt das Thema Sternenkind, Fehlgeburt, Abschied und Trauer um ein Baby ernst, ohne dabei hoffnungslos zu wirken.
Denn trotz aller Traurigkeit bleibt am Ende auch die Vorstellung, dass nach einer schweren Zeit irgendwann wieder etwas Sonne ins Herz kommen darf. Nicht als Ersatz für das verlorene Kind und auch nicht als Aufforderung, schnell wieder glücklich zu sein. Vielmehr als vorsichtiger Gedanke daran, dass Trauer und schöne Erinnerungen nebeneinander existieren können.
Mein persönlicher Eindruck ist daher sehr positiv. Maria Vohn gelingt mit „Flieg, kleiner Bruder“ eine sensible Geschichte über einen Verlust, der für viele Familien Realität ist und über den trotzdem oft nur schwer gesprochen werden kann. Das Buch zeigt, dass auch ein sehr kleines Leben Spuren hinterlassen und für immer zur Familiengeschichte gehören kann. Ein ruhiges, liebevolles und emotionales Bilderbuch, das Kindern und Erwachsenen gleichermaßen einen behutsamen Zugang zum Thema Sternenkind und Trauer ermöglicht.
- Herausgeber : Ernst Reinhardt Verlag
- Erscheinungstermin : 7. September 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 36 Seiten
- ISBN-10 : 349703357X
- ISBN-13 : 978-3497033577
- Lesealter : Ab 3 Jahren
- Abmessungen : 21.3 x 0.9 x 30.2 cm
