
Ein Mann telefoniert mit seiner Vergangenheit – und plötzlich ist sie wieder erreichbar. Schon diese Idee hat mich bei „Jetzt beginnt das Leben“ von Alex Schulman neugierig gemacht. Denn was würde passieren, wenn man einen Menschen aus der eigenen Vergangenheit noch einmal anrufen könnte? Nicht irgendeinen Menschen, sondern den eigenen Vater, der längst gestorben ist? Und was wäre, wenn sich am anderen Ende der Leitung tatsächlich ein ganz bestimmter Tag aus der eigenen Kindheit verbirgt?
Genau diese ungewöhnliche Ausgangssituation erlebt Vidar. Sein Leben in der Gegenwart ist aus den Fugen geraten. Nach einem gewalttätigen Vorfall an seiner Schule wird er vom Lehrdienst suspendiert. Eigentlich schon eine Situation, die genügend Fragen aufwirft. Dann findet er zufällig die Telefonnummer des alten Sommerhauses seiner Familie und wählt sie spontan. Dass sich ausgerechnet sein längst verstorbener Vater meldet, verändert alles.
Am anderen Ende der Leitung wartet jedoch nicht einfach eine Stimme aus dem Jenseits. Vidar landet immer wieder am 17. Juni 1986, einem Tag aus seiner Kindheit. Und genau hier beginnt für mich das eigentlich Faszinierende an diesem Roman.
Denn Vidar bekommt die Möglichkeit, seine eigene Vergangenheit nicht nur zu erinnern, sondern sie gewissermaßen von außen zu betrachten. Anruf für Anruf versucht er herauszufinden, was damals passiert ist. Was haben seine Eltern getan? Was hat er selbst erlebt? Welche Kleinigkeiten sind ihm als Kind vielleicht völlig anders erschienen, als sie aus der Perspektive eines Erwachsenen wirken?
Beim Lesen entsteht dadurch ein ganz besonderes Gefühl. Kindheit ist schließlich niemals nur eine Sammlung schöner oder schlechter Erinnerungen. Als Kind versteht man viele Situationen noch gar nicht vollständig. Man nimmt Stimmungen wahr, hört Gespräche, beobachtet die Erwachsenen und speichert Erlebnisse ab, ohne deren Bedeutung wirklich einordnen zu können. Erst Jahre später erkennt man manchmal, dass bestimmte Momente viel stärker geprägt haben, als man damals ahnen konnte.
Genau mit diesem Gedanken spielt Alex Schulman auf sehr interessante Weise. Was macht einen Menschen zu dem, der er später ist? Welche Erfahrungen aus der Kindheit begleiten uns? Welche Erinnerungen haben wir verdrängt, falsch eingeordnet oder ganz anders abgespeichert? Und wie viel von unserem heutigen Verhalten lässt sich vielleicht erst verstehen, wenn wir zurückblicken?
Dabei ist „Jetzt beginnt das Leben“ für mich keine einfache Geschichte über Vergangenheit und Gegenwart. Der Roman beschäftigt sich sehr intensiv mit Familie, Eltern-Kind-Beziehungen und den Spuren, die gemeinsame Erlebnisse hinterlassen können. Besonders die Beziehung zwischen Vidar und seinem Vater bekommt durch die ungewöhnliche Telefonsituation eine ganz eigene Dynamik.
Ich fand es spannend, dass Vidar nicht einfach nur in Erinnerungen schwelgt. Er will Antworten. Er versucht, diesen einen Tag immer genauer zu verstehen und überschreitet dabei zunehmend Grenzen. Je mehr er wissen möchte, desto stärker verstrickt er sich in der Vergangenheit. Gleichzeitig wird der Druck in seiner Gegenwart immer größer.
Dadurch entsteht eine interessante Spannung zwischen den beiden Zeitebenen. Auf der einen Seite steht der 17. Juni 1986, den Vidar immer wieder anruft und Schritt für Schritt zu entschlüsseln versucht. Auf der anderen Seite steht sein Leben in der Gegenwart, in dem die Ereignisse längst Folgen haben. Die Vergangenheit wird dadurch nicht zu einem abgeschlossenen Kapitel, sondern wirkt unmittelbar in seine Gegenwart hinein.
Besonders berührt hat mich der Gedanke, dass wir unsere eigene Kindheit niemals vollständig aus der Perspektive eines Erwachsenen erleben können. Wir wissen heute mehr als damals. Wir verstehen Zusammenhänge, die uns als Kind verborgen geblieben sind. Und trotzdem bleibt die Erinnerung immer auch die Erinnerung des Kindes, das wir einmal waren.
Schulman gelingt es, daraus eine Geschichte zu entwickeln, die gleichzeitig geheimnisvoll, emotional und psychologisch interessant ist. Man möchte wissen, was an diesem Tag wirklich geschehen ist, aber mindestens genauso spannend ist die Frage, warum dieser eine Tag für Vidar eine solche Bedeutung bekommen hat.
Dabei wird der Roman zunehmend beklemmender. Je tiefer Vidar in seine Vergangenheit eintaucht, desto enger scheint sich die Schlinge in der Gegenwart zu ziehen. Seine Suche nach Antworten hat ihren Preis, und irgendwann stellt sich die Frage, ob jede Wahrheit tatsächlich dabei hilft, mit der Vergangenheit abzuschließen.
„Jetzt beginnt das Leben“ hat mich deshalb vor allem wegen seiner ungewöhnlichen Verbindung aus Familiengeschichte, Erinnerung, psychologischer Spannung und Gegenwart angesprochen. Es ist ein Roman über Kindheit, Eltern, prägende Erlebnisse und die manchmal unbequeme Erkenntnis, dass Vergangenes nicht einfach verschwindet, nur weil viele Jahre vergangen sind.
Alex Schulman erzählt dabei keine geradlinige Geschichte, sondern lässt Vergangenheit und Gegenwart immer stärker ineinandergreifen. Genau das macht die Lektüre für mich so reizvoll. Man liest nicht nur mit der Frage weiter, was damals passiert ist, sondern auch mit dem Gefühl, Vidar immer besser verstehen zu wollen.
Für mich ist „Jetzt beginnt das Leben“ damit ein eindringlicher Roman über Kindheit und ihre Prägungen, über Familie und Erinnerung und über den Versuch, die eigene Vergangenheit zu verstehen. Eine Geschichte, die nachdenklich macht und gleichzeitig neugierig auf die nächste Seite hält.
Und vielleicht bleibt nach dem Lesen vor allem eine Frage zurück: Wie viel von dem Menschen, der wir heute sind, hat eigentlich schon in dem Kind gesteckt, das wir einmal waren?
- Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
- Erscheinungstermin : 20. August 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 352 Seiten
- ISBN-10 : 3423285796
- ISBN-13 : 978-3423285797
- Originaltitel : 17 juni
- Abmessungen : 12.8 x 2.8 x 21 cm
