/ September 21, 2026/ Buch

Das Meer hat etwas Besonderes: Es kann beruhigen, Erinnerungen zurückbringen und gleichzeitig alles aufwühlen, was man eigentlich längst hinter sich lassen wollte. Genau dieses Gefühl hatte ich beim Lesen von „Hummerjahre“ von Beatrix Gerstberger. Der neue Sommerroman führt zurück nach Eagle Island an die Küste von Maine und erzählt von Menschen, die eigentlich ganz unterschiedliche Leben führen und doch eines gemeinsam haben: Sie müssen sich ihrer Vergangenheit stellen, wenn sie in der Gegenwart wieder glücklich werden wollen.

Im Mittelpunkt stehen Mina, Julie und Judith. Drei Frauen, drei Lebensgeschichten und drei ganz unterschiedliche Arten, mit Verlust, Schuld, Liebe und Veränderungen umzugehen. Gerade diese verschiedenen Perspektiven haben mir gut gefallen, weil dadurch nicht nur eine einzelne Familiengeschichte entsteht, sondern ein vielschichtiges Bild davon, wie unterschiedlich Menschen mit den großen Wendepunkten ihres Lebens umgehen.

Mina ist 47 und reist gemeinsam mit ihrer Tochter Luca, ihrem schwerkranken Vater Richard und ihrer Mutter Judith zurück nach Eagle Island. Eigentlich könnte diese Reise ein schöner gemeinsamer Sommer an der Küste werden. Doch für Mina ist die Rückkehr mit vielen Gefühlen verbunden. Denn sie wird dort auch dem Vater ihrer Tochter wieder begegnen – einer großen Liebe aus ihrer Vergangenheit, die gescheitert ist.

Und plötzlich stehen Fragen im Raum, die vermutlich viele Menschen nachvollziehen können: Kann man einen Menschen nach vielen Jahren noch einmal neu kennenlernen? Kann eine Liebe, die einmal zerbrochen ist, überhaupt noch eine zweite Chance bekommen? Und kann man alte Verletzungen wirklich hinter sich lassen, ohne sie vorher anzuschauen?

Besonders schön fand ich, dass der Roman diese Fragen nicht einfach mit großen romantischen Gesten beantwortet. Vielmehr geht es um die kleinen und schwierigen Schritte, die notwendig sind, wenn Menschen wieder aufeinander zugehen möchten. Liebe bedeutet hier nicht, dass alles vergessen wird. Sie bedeutet vielmehr, sich mit dem auseinanderzusetzen, was passiert ist.

Auch Julie hat ihren eigenen Weg vor sich. Mit 73 Jahren möchte sie sich nach dem Tod ihres Mannes Nat und ihrer besten Freundin Ann nicht einfach mit dem Alleinsein abfinden. Ich fand diesen Handlungsstrang besonders berührend, weil er zeigt, dass ein Neuanfang kein Privileg der Jugend ist. Auch mit 73 kann ein Mensch neugierig auf das Leben bleiben, neue Möglichkeiten entdecken und sich fragen, was noch vor ihm liegt.

Gerade dieser Gedanke hat mir gefallen. In Geschichten über Familie und Liebe stehen häufig jüngere Menschen im Mittelpunkt. „Hummerjahre“ zeigt dagegen mehrere Generationen und macht deutlich, dass Veränderung, Liebe, Verlust und die Suche nach Glück keine Altersgrenze kennen.

Judith wiederum trägt eine ganz andere Last mit sich. Sie ist 75 und muss sich mit den Erinnerungen an jenen Sommer auseinandersetzen, der das Leben ihres Sohnes auf tragische Weise verändert hat. Lange konnte sie vor der eigenen Schuld davonlaufen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sie sich dieser Vergangenheit stellen muss.

Dieser Teil der Geschichte gibt dem Roman eine deutlich ernstere und tiefere Ebene. Schuld ist schließlich etwas, das Menschen über Jahrzehnte begleiten kann. Manchmal reicht es nicht, Zeit verstreichen zu lassen. Manche Dinge wollen ausgesprochen, verstanden und vielleicht auch vergeben werden.

Besonders gelungen finde ich deshalb das Zusammenspiel der drei Frauen. Ihre Geschichten zeigen unterschiedliche Formen von Verlust und Neubeginn. Mina muss sich einer alten Liebe stellen, Julie sucht nach einem neuen Lebensweg und Judith muss lernen, mit ihrer Vergangenheit zu leben. Dabei geht es immer wieder um die Frage, ob Vergebung möglich ist und ob Liebe tatsächlich stark genug sein kann, Verletzungen zu überdauern.

Die Küste von Maine bildet dafür eine wunderschöne Kulisse. Das Meer, die Insel und die Atmosphäre des Sommers geben dem Roman dieses besondere Gefühl von Weite und gleichzeitig von Rückzug. Eagle Island wird dabei fast selbst zu einer Figur der Geschichte: ein Ort, an dem Erinnerungen lebendig werden und an dem die Vergangenheit plötzlich wieder ganz nah ist.

Mir hat gefallen, dass „Hummerjahre“ trotz der schweren Themen nicht ausschließlich traurig wirkt. Zwischen Krankheit, Verlust, Schuld und alten Verletzungen steckt immer auch Hoffnung. Die Figuren suchen nach Möglichkeiten, ihr Leben neu zu betrachten. Und genau darin liegt für mich die emotionale Stärke des Romans.

Besonders berührt hat mich die Botschaft, dass ein Neuanfang nicht bedeutet, die Vergangenheit auszulöschen. Manchmal bedeutet er vielmehr, sie anzunehmen und trotzdem weiterzugehen. Man darf traurig sein und wieder glücklich werden. Man darf Fehler gemacht haben und trotzdem versuchen, es besser zu machen. Und man darf auch nach vielen Jahren noch den Mut haben, etwas im eigenen Leben zu verändern.

„Hummerjahre“ ist für mich deshalb ein emotionaler Familien- und Sommerroman über Verlust, Liebe, Schuld, Vergebung und Neuanfänge. Die Geschichte verbindet mehrere Generationen miteinander und zeigt sehr menschlich, wie unterschiedlich wir mit den großen Veränderungen des Lebens umgehen.

Wer Romane mit starken Familienbeziehungen, emotionalen Lebensgeschichten und einer sommerlichen Atmosphäre am Meer mag, bekommt hier eine Geschichte, die nicht nur von der Liebe erzählt, sondern auch von den Narben, die das Leben hinterlässt. Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Romans: Es ist nie zu spät, sich dem Leben wieder zuzuwenden.

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 20. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423285958
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423285957
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.4 x 3.3 x 21.5 cm
  • Buch 2 von 2 ‏ : ‎ Die Hummerfrauen-Reihe

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