/ Oktober 4, 2026/ Buch

Schon der Titel „Voll im falschen Film“ passt hier wirklich wie die Faust aufs Auge. Denn was Nora Stern passiert, klingt zunächst so absurd, dass man fast lachen müsste – wenn die Situation nicht gleichzeitig so bitter und erschreckend wäre. Schauspielerin, Mutter, seit drei Jahren trocken und eigentlich fest entschlossen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Und dann wacht sie plötzlich in einem fremden Partykeller auf. Niedergeschlagen, verschleppt und mit einem Buffet auf dem Bartresen, bei dem eine Sache auffällig fehlt: alles, was sie trinken könnte – außer Alkohol.

Ganz ehrlich: Was für ein Albtraum!

Nora hat keine Ahnung, wer dahintersteckt oder warum jemand so etwas mit ihr macht. Nach vier Tagen kommt sie schließlich auf einer Wiese wieder zu sich. Sie ist frei – zumindest körperlich. Doch genau hier beginnt ihr eigentliches Problem erst richtig. Denn Nora ist wieder bei der Flasche gelandet.

Und damit wird aus einer ohnehin schon völlig verrückten Situation ein Kampf gegen etwas, das sie eigentlich längst hinter sich gelassen hatte.

Ich fand diesen Ausgangspunkt ausgesprochen stark, weil die Geschichte nicht einfach nur einen spannenden Entführungsfall erzählt. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die mit einer Alkoholsucht kämpft und dabei gleichzeitig mit den Folgen ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Nora weiß genau, dass sie trocken werden muss. Und zwar schnell. Schließlich stehen Dreharbeiten bevor und zusätzlich läuft ein Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann. Ein Rückfall ist da ungefähr das Letzte, was sie gebrauchen kann.

Nur leider lässt sich eine Sucht nicht einfach per Knopfdruck wieder ausschalten.

Genau das macht Nora für mich zu einer interessanten Hauptfigur. Sie ist keine strahlende Heldin, die jederzeit alles im Griff hat. Im Gegenteil. Sie ist verletzlich, wütend, verzweifelt, manchmal sicherlich auch ziemlich schwierig – aber gerade dadurch wirkt sie menschlich. Man erlebt ihre Angst und ihre Unsicherheit, gleichzeitig aber auch ihren Willen, herauszufinden, was eigentlich passiert ist.

Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem Nora sich fragt: War das wirklich Zufall?

Als sie an einer Tankstelle Alkohol kaufen will und ausgerechnet dabei von einem Paparazzo fotografiert wird, wird sie misstrauisch. Das kann doch kein Zufall sein. Und plötzlich bekommt die Geschichte eine ganz andere Richtung.

Nora beginnt selbst zu ermitteln.

Und das ist genau der Moment, in dem „Voll im falschen Film“ für mich richtig Fahrt aufnimmt. Denn sie muss sich nicht nur mit ihrer eigenen Sucht auseinandersetzen, sondern gleichzeitig herausfinden, wer möglicherweise gegen sie arbeitet. Alte Feinde tauchen auf, Widerstände stellen sich ihr in den Weg und immer wieder steht die Frage im Raum, wem sie überhaupt noch vertrauen kann.

Dabei gefällt mir besonders die Mischung aus Spannung und schwarzem Humor. Der Roman ist bitter, teilweise ziemlich unangenehm und beschäftigt sich mit einem ernsten Thema – aber er nimmt sich selbst nicht ständig todernst. Gerade diese bitterkomischen Momente sorgen dafür, dass die Geschichte nicht in einer durchgehend schweren Stimmung versinkt.

Und trotzdem bleibt die Alkoholabhängigkeit ein zentraler Punkt. Das wird nicht einfach romantisiert oder als kleines Problem dargestellt. Nora weiß selbst, wie schnell aus einem vermeintlich harmlosen Moment ein Absturz werden kann. Die dünne Linie zwischen Kontrolle und Kontrollverlust wird dadurch sehr greifbar.

Besonders spannend finde ich auch die Frage nach Täter und Opfer. Denn wer ist hier eigentlich was? Nora wurde entführt und offensichtlich gezielt in eine Situation gebracht, die ihre Abstinenz gefährdet. Gleichzeitig ist sie durch ihre eigene Sucht verwundbar. Sie kann sich also nicht einfach darauf verlassen, dass sie eindeutig diejenige ist, die alles unter Kontrolle hat.

Genau diese Grauzonen machen die Geschichte interessant.

Wiebke Lorenz verbindet dabei einen ungewöhnlichen Spannungsplot mit einem sehr menschlichen Blick auf Abhängigkeit, Demütigung und Selbstzerstörung. Nora ist keine Figur, die man einfach nur bemitleidet. Man möchte ihr manchmal helfen, manchmal möchte man sie schütteln und zwischendurch fragt man sich vermutlich genauso wie sie selbst, was zum Teufel hier eigentlich gespielt wird.

Und genau deshalb funktioniert der Roman für mich so gut.

„Voll im falschen Film“ ist spannend, schräg, bitter und gleichzeitig überraschend unterhaltsam. Die Geschichte hat einen ungewöhnlichen Ausgangspunkt und entwickelt daraus einen Plot, bei dem man immer wieder neue Fragen bekommt. Wer steckt dahinter? Warum Nora? Was hat die Vergangenheit damit zu tun? Und wie weit kann sie sich selbst noch vertrauen?

Dazu kommt eine Hauptfigur, die alles andere als perfekt ist und gerade deshalb im Gedächtnis bleibt.

Ich mag Bücher, die nicht nach dem üblichen Schema funktionieren. Und dieser Roman gehört definitiv dazu. Hier gibt es keine glattgebügelte Heldin und keine einfache Gut-und-Böse-Geschichte. Stattdessen bekommt man eine Frau, die versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, während andere offenbar alles daransetzen, genau das zu verhindern.

Ein ungewöhnlicher, bitterkomischer und spannender Roman über Sucht, Manipulation, Schuld und die Frage, wie schnell man vom Opfer zum eigenen größten Gegner werden kann. Wer eine Geschichte sucht, die gleichzeitig unterhält, irritiert und zum Nachdenken bringt, dürfte mit Nora Stern einiges erleben.

Denn manchmal ist man tatsächlich voll im falschen Film – und weiß noch nicht einmal, wer eigentlich Regie führt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Pendragon
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 7. September 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 360 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3865329683
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3865329684
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 16 Jahren
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.2 x 2.7 x 20.4 cm

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