/ Oktober 6, 2026/ Buch, Romane

Schon der Titel „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ macht neugierig. Und je länger ich mich mit diesem Roman beschäftigt habe, desto mehr hatte ich das Gefühl: Hier wartet keine gewöhnliche Familiengeschichte. Valeria Gordeev erzählt von Menschen, die irgendwie feststecken, von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, und von der schwierigen Frage, wie man seinen eigenen Weg findet, wenn um einen herum nichts mehr so richtig zusammenpasst.

Im Mittelpunkt stehen Konstantin und seine Schwester Lada. Zwei Geschwister, die den Kontakt zueinander verloren haben und gleichzeitig in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen stecken. Konstantin befindet sich in Moskau in einem unterirdischen Forschungslabor, in dem Lenins Leichnam konserviert wird. Lada lebt in Berlin und hat dort ganz andere Sorgen: Eine Sanierung macht ihr Wohnhaus unbewohnbar. Schon diese Ausgangssituation ist ungewöhnlich und sorgt dafür, dass der Roman von Anfang an eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt.

Was mir besonders gefallen hat, ist diese Mischung aus Realität und etwas völlig Absurdem. Man liest und denkt an manchen Stellen tatsächlich: „Okay, damit habe ich jetzt nicht gerechnet.“ Und genau das macht den Reiz dieses Buches aus. Die Geschichte nimmt immer wieder überraschende Wendungen und verbindet familiäre Konflikte, gesellschaftliche Veränderungen, Krieg, Macht und Zukunftsvisionen miteinander. Dabei wirkt der Roman nicht wie eine trockene Auseinandersetzung mit großen Themen, sondern lebendig, eigenwillig und manchmal geradezu berauschend.

Lada ist für mich dabei eine Figur, die besonders im Gedächtnis bleibt. Sie versucht, mit einer Situation klarzukommen, die sie selbst kaum kontrollieren kann. Gleichzeitig beschäftigt sie die Frage, weshalb ihr Bruder nach Beginn des Krieges in Moskau geblieben ist. Zwischen den Geschwistern stehen nicht nur räumliche Entfernung und unterschiedliche Lebenswelten, sondern auch Dinge, über die man nicht einfach hinwegsehen kann. Diese familiäre Ebene gibt dem Roman trotz aller ungewöhnlichen und teilweise grotesken Elemente einen emotionalen Kern.

Und dann ist da noch der Patenonkel, ein Oligarch mit transhumanistischen Ambitionen. Allein diese Figur bringt noch einmal eine ganz andere Dynamik in die Geschichte. Macht, Geld, Wissenschaft und die Vorstellung davon, was der Mensch in Zukunft sein könnte, werden miteinander verbunden. Das klingt zunächst vielleicht ziemlich wild – ist es auch. Aber genau darin liegt für mich die Stärke des Romans. Gordeev traut sich, ungewöhnliche Gedanken miteinander zu verbinden und daraus eine Geschichte entstehen zu lassen, die sich nicht brav in eine Schublade stecken lässt.

Sprachlich ist das Buch ebenfalls etwas Besonderes. Die Sprache ist kraftvoll, bildhaft und stellenweise regelrecht überschäumend. Man merkt, dass hier nicht einfach nur eine Handlung erzählt werden soll. Vielmehr entsteht eine eigene literarische Welt, in der man sich treiben lassen kann. Die Geschichte hat etwas Experimentelles, ohne dabei völlig den emotionalen Zugang zu verlieren.

Sehr schön finde ich auch die Ausstattung der gebundenen Ausgabe. Die Zeichnungen der Autorin, das farbige Vorsatzpapier und das Lesebändchen passen hervorragend zu diesem außergewöhnlichen Roman und machen schon das Buch als Gegenstand zu etwas Besonderem.

„Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ ist für mich ein Roman, bei dem man sich darauf einlassen muss. Wer eine geradlinige Familiengeschichte erwartet, wird vermutlich überrascht sein. Wer dagegen Lust auf ungewöhnliche Figuren, skurrile Situationen, gesellschaftliche und politische Themen und eine sprachlich besondere Erzählweise hat, dürfte hier einiges entdecken.

Mich hat vor allem beeindruckt, wie Valeria Gordeev das Persönliche mit dem Großen verbindet. Da sind zwei Geschwister, die sich voneinander entfernt haben – und gleichzeitig geht es um Krieg, Heimat, Macht, Zukunft und die Frage, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn ihre vertrauten Strukturen ins Wanken geraten.

Für mich ist das ein mutiger, ungewöhnlicher und sehr eigenständiger Debütroman. Ein Buch, das nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern einen manchmal staunen, manchmal schmunzeln und immer wieder innehalten lässt. Kein Roman für nebenbei, sondern einer, der seine ganz eigene Welt aufmacht und darin ziemlich lange nachwirkt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ S. FISCHER
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 26. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 5.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 640 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3103976348
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3103976342
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.2 x 5 x 21.2 cm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*